Theodor Fontane :

Quelle der Texte: DIE ZEIT Feuilleton 42/2001

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Fontane, Afghanistan
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Das Trauerspiel von Afghanistan

Der Schnee leis stäubend vom Himmel fällt,
Ein Reiter vor Dschellalabad hält,
"Wer da!" - "Ein britischer Reitersmann,
Bringe Botschaft aus Afghanistan."

Afghanistan! Er sprach so matt;
Es umdrängt den Reiter die halbe Stadt,
Sir Robert Sale, der Kommandant,
Hebt ihn vom Rosse mit eigener Hand.

Sie führen ins steinerne Wachthaus ihn,
Sie setzen ihn nieder an den Kamin,
Wie wärmt ihn das Feuer, wie labt ihn das Licht,
Er atmet hoch auf und dankt und spricht:

"Wir waren dreizehntausend Mann,
Von Kabul unser Zug begann,
Soldaten, Führer, Weib und Kind,
Erstarrt, erschlagen, verraten sind.

Zersprengt ist unser ganzes Heer,
Was lebt, irrt draußen in Nacht umher,
Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt,
Seht zu, ob den Rest ihr retten könnt."

Sir Robert stieg auf den Festungswall,
Offiziere, Soldaten folgten ihm all,
Sir Robert sprach: "Der Schnee fällt dicht,
Die uns suchen, sie können uns finden nicht.

Sie irren wie Blinde und sind uns so nah,
So lasst sie's hören, dass wir da,
Stimmt an ein Lied von Heimat und Haus,
Trompeter, blast in die Nacht hinaus!"

Da huben sie an und sie wurden's nicht müd,
Durch die Nacht hin klang es Lied um Lied,
Erst englische Lieder mit fröhlichem Klang,
Dann Hochlandslieder wie Klagegesang.

Sie bliesen die Nacht und über den Tag,
Laut wie nur die Liebe rufen mag,
Sie bliesen - es kam die zweite Nacht,
Umsonst, dass ihr ruft, umsonst, dass ihr wacht.

Die hören sollen, sie hören nicht mehr,
Vernichtet ist das ganze Heer,
Mit dreizehntausend der Zug begann,
Einer kam heim aus Afghanistan.

--------------------- veröffentlicht 1898

 

Auch Theodor Fontane (30.12.1819 - 20.9.1998) befasste sich bereits mit dem afghanischen Konflikt und fasste die britische Tragödie am Hindukusch in eine Ballade: "Das Trauerspiel von Afghanistan." Sie handelt von der katastrophalen Niederlage der Engländer im anglo-afghanischen Krieg im Januar 1842. / Saarbrücker Zeitung 28.9.01

Das Gedicht Fontanes steht u.a. in: Otfried Preußler/ Heinrich Pleticha, Das große Balladenbuch. Stuttgart, Wien 2000.

Mehr Lyrik zum Thema:
Wolf Biermann: Junger Soldat in Afghanistan (auf der CD "Nur wer sich ändert, bleibt sich treu")
Natasza Lako: Tod eines kleinen Mädchens in Afghanistan (Europäische Anthologie. Neue Literatur aus Litauen, Albanien, Island und Finnland. Literarisches Colloquium 1988)
Oscar Wilde: Ave Imperatrix (1881) ("And that dread city of Cabool...")

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Theodor Fontane beschreibt in der Ballade Das Trauerspiel von Afghanistan eine Episode aus dem ersten anglo-afghanischen Krieg (1838 bis 1842). Im Winter 1841/42 versuchten englische Truppen, die mit Frauen und Kindern vor einem Aufstand in Kabul flohen, den Rückzug über den Khyber-Pass (heute an der pakista-nischen Grenze), wo sie nahezu völlig aufgerieben wurden. 1842 kehrten die Engländer zurück, brannten Kabul ab und erzwangen einen Schutzvertrag. 1878 kam es zu einem zweiten Krieg, der wie schon der erste eine russische Kontrolle des Landes verhindern sollte. 1879 wurde im Vertrag von Gandamak Afghanistan der englischen Einfluss-sphäre zugeschlagen. Ein Jahr, bevor Fontanes Ballade in den Gedichten 1898 erschien, war es am Khyberpass zu neuen englischen Kämpfen gegen die Paschtunen gekommen, die den Pass kontrollierten.