Homer: Ilias

 

 

Wer liest schon freiwillig einen zweieinhalb tausend Jahre alten Text? Wenn Homers Ilias bisher ein Nischendasein führte, interessant allenfalls für fachlich gebildete Menschen oder Liebhaber des Hexameters, dann sollte Raoul Schrotts Neuübersetzung dieses Mauerblümchen immerhin in eine Heckenrose verwandeln, denn: Homers Epos vom trojanischen Krieg liest sich jetzt wie ein Krimi, den man nicht zur Seite legen will. Zu spannend sind die Auseinandersetzungen der Helden und der Götter nun geschildert, in einer Sprache, die die unsere ist, die inhaltstreu bleibt, aber keine philologische Scheu vor den Sprachbildern unserer Umgangssprache hat.

Die Figuren werden durch diese Übersetzung so lebendig, dass die Motive ihres Handelns unmittelbar einleuchten. Keine Kunstsprache verhindert eine Identifikation des Lesers mit den Helden, und das ist vielleicht die herausragende Leistung Raoul Schrotts: Seine Sprache ist ja nicht kunstfrei, im Gegenteil. Sie ist - so beschreibt er seine Übersetzungsarbeit im einleitenden Arbeitsbericht - dem INHALT der Ilias verpflichtet, will die POESIE Homers ans Licht bringen, verzichtet dabei aber konsequent auf eine "Nachbildung" der "durch den Hexameter bedingte[n] Formelsprache". Zudem wird das Lesen enorm erleichert durch typographische Kniffe: Man weiß immer, ob man die wörtliche Rede einer Figur liest oder den Erzählbericht, auch ohne Anführungszeichen. Kleiner Nebeneffekt dieser graphischen Gestaltung: Das Lesen gewinnt an Fahrt, an Dynamik.


Das Ergebnis ist verblüffend. Überraschende Leselaune, Leselust setzt ein, man möchte wissen, wie der Zank zwischen Zeus und seiner Ehefrau Hera (oder umgekehrt) verläuft und ausgeht, man versteht unmittelbar, weshalb Achill grenzenlos zornig ist und fiebert dem Schicksal Agamemnons entgegen, der keine Gelegenheit auslässt, sich als Macho aufzuführen. Fast möchte man sagen: Sie sind einer von uns, ja, das habe ich auch schon erlebt! Vergnügen pur - auch Nachdenklichkeit über Situationen, die heute wie vor über 2000 Jahren offensichtlich dieselben sind, archetypische Muster, die das menschliche Leben wie selbstverständlich begleiten.

Eine uneingeschränkte Leseempfehlung!

Und: Danke, Raoul Schrott!

 

 

Homers Ilias
in der Neuübertragung von Raoul Schrott