Auf die Erfahrungen der 10. Klasse kam folgender Leserbrief von Juliane, der sich mit den Äußerungen unserer Schülerinnen und Schüler auseinandersetzt:

Da habt ihr ja eine schöne Seite kreiert.

Ich bin nicht sehr überrascht über Eure Meinungen zu der Ausstellung. Ich komme selbst aus dem Bereich Medizin und bin deshalb sehr dankbar, soviel über den Aufbau und die Funktionalität meines EIGENEN Körper gelernt und erfahren zu haben. Denn genau da drückt der Schuh. Trotz unserer so aufgeklärten Zeit ist unser Körper, also konkret alles, was sich unter unserer Haut und Schleimhaut befindet, noch immer ein Tabuthema.
Meine Mutter wußte selbst nicht einmal, daß man im Unterschenkel 2 Knochen hat. Für viele ist das noch immer so. Mal ganz philosophisch betrachtet, ist es nicht komisch, daß wir so wenig über unseren Körper wissen?
Ich denke, daß solche Ausstellungen nicht nur für die Mediziner da sein sollte, denn die befassen sich ohnehin aus Leidenschaft mit dem(ihrem) Körper. Wir sind nun mal so geschaffen. Das allein ist schon Kunst!!! Ich erinnere nur an die Fähigkeiten unserer Hände, wobei das nichts im Vergleich zu unserem Verdauungssystem ist......!
Noch etwas, was mir beim Lesen Eurer und anderer Kritiken zur Ausstellung aufgefallen ist : Habt ihr Euch eigentlich mal gefragt, was es bedeutet, schaulustig zu sein, warum wir gerade nach solchen Sachen gieren, also "sensationsgeil" sind? Antwort : Weil uns unser Körper nun einmal interessiert, weil man einfach das Bedürfnis hat, seine Neugierde zu stillen. Deshalb können wir gar nicht anders, als hinschauen, egal, ob es ein z.B. Behinderter auf der Straße ist, oder ein konservierter Körper in dieser Ausstellung. Das, was uns genau dabei davon abhält, ist eine gewisse moralische Erziehung, die wir alle nunmal genossen haben.
Moralische Beispiele: "Schau da nicht hin, so was gehört sich nicht" - warum, wir schauen hin, weil wir uns ganz unbewußt vergleichen. Es besteht ein anatomischer Unterschied. Natürlich meine ich nicht, daß ihr alle Behinderten oder andersausehenden anstarren sollt. Ich meine damit, daß man seinen Wissensdrang ruhig befriedigen sollte, um sich ein eigenen Bild zu schaffen über das physiologische Menschsein, und um genau das verarbeiten zu können. Denn es gibt viele, die durch diese Ausstellung geschockt wurden, weil sie nicht darauf vorbereitet waren
"Grusel dich vor Leichen" - warum; dieser Grusel, den haben wir erlernt. Mal ganz realistisch betrachtet sind es nicht lebende Menschen, die können nichts machen, auch nicht auferstehen. Es gibt keinen grund sich zu gruseln. Wir sollten lieber anfangen Respekt zu erlernen, damit wir die übertriebene Angst oder sogar Phobie vor dem Totsein abbauen und lernen, damit normal umzugehen.

Noch ein etwas geschmackloses Beispiel möchte ich bringen, um meine Aussage zu verstärken. Es gibt leider Seiten im WWW, die Bilder von Leichen zeigen. Es gibt auch viele Leute, die sich das anschauen. Habt ihr Euch schonmal gefragt, WARUM???
Was ihr darüber denkt und welche Erfahrungen ihr damit gemacht habt, würde mich sehr interessieren. Ich kann da nur sagen, wer sich für solche Sachen interessiert, sollte sich in medizinischen Buchläden Anatomiebücher anschauen und in solche Ausstellungen gehen.Den Internetspuk muß keiner von uns fördern. Zum Abschluß; ich habe das Bild von dem Mann, der seine eigene Haut trägt, als Hintergrundbild auf meinem Desktop geladen, weil ich es 1. höchst ästhetisch finde und 2. weil es zum Denken anregt!

Juliane [6. Feb. 2001]
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