Die Gedichtinterpretation (Religionsklausur) von Sofie Richardt, 12. Jahrgang, beschäftigt sich mit einem Gedicht des vor einem halben Jahr gestorbenen genialen Lyrikers Ernst Jandl.

Vielleicht zeigen Jandls Gedicht und Sofies Interpretation, dass nicht BSE unser Problem ist...


ERNST JANDL
DER FISCH

der holde fisch, den ich
in mein triefendes maul stopfe, sein flinkes
wasserspiel hat den angler so aufgereizt
daß er die angel ihm in sein argloses maul rannte
und ihn hoch in die luft riß, den in todesnot zappelnden
ihn zu boden schmiß und mit einem steinhieb ihm
die stirn zerschlug, die besudelte köchin
schlitzte den silberbauch des getöteten, riß
seine eingeweide heraus und schmiß
ihn ins siedende fett in der pfanne; spuckte
während er briet, auf den schmierigen teller
wischte ihn an der blutigen schürze und schmiß
den endlich freßreifen fischkadaver darauf,
gab der kellnern als signal einen tritt in den arsch
die den teller nun packte und dem lechzenden vielfraß
mir, dem geheiligten gast, vors triefende maul
auf die tischplatte donnerte. komm!
rief mit ausgebreiteten armen ich, herr jesus!
sei unser gast und segne was du
uns bescheret hast, wie die vermoderte
mutter es mich todgeweihten gelehrt hatte.

In dem mir vorliegenden Gedicht "Der Fisch"' von Ernst Jandl geht es um die Zubereitung eines Fisches, vom Angeln bis zum Gegessen - Werden.

Betrachtet man zuerst nur die Überschrift des Gedichtes "Der Fisch", so denkt man an ein kaltes und glitschiges, aber unschuldiges Tier, welches in einem kleinen Bach oder See sein Leben verbringt. Dieser erste Gedanke bestätigt sich in der ersten Zeile des Gedichtes, denn das Gedicht beginnt mit "der holde Fisch". Vielmehr wird das Tier hier also nicht nur als unschuldig, sondern auch als heilig bezeichnet.

Der bislang gewonnene Eindruck eines ruhigen und beschaulichen Gedichtes ändert sich ab der zweiten Zeile schlagartig. Neben dem "flinken' und "arglosen" Fisch treten nun die weiteren Charaktere des Gedichtes auf. Schon der Auftritt des lyrischen Ichs, welches den"holden" Fisch in sein "triefendes maul" stopft, lässt den weiteren Verlauf des Gedichtes erahnen. Von nun an ist es mit der Ruhe und Sorglosigkeit des Fisches vorbei. Da wird beschrieben, wie ihm ein Angler seine Angel in "sein argloses maul rannte und ihn hoch in die luft riß" (Z.4,5), wie er zu Boden geschmissen und mit einem Stein erschlagen wurde. Doch das war erst der Anfang. Die brutale Behandlung des Fisches geht noch weiter, denn nun kommt er zu einer Köchin. Auch diese Frau zeigt keinerlei Gefühle oder Respekt dem Fisch gegenüber. Sie schlitzt ihn auf, reißt seine Eingeweide heraus und schmeißt ihn in die Pfanne. Während er brät, spuckt sie auf den Teller und wischt ihn mit ihrer blutigen Schürze wieder ab.

Nach dieser Behandlung durch den Angler und die Köchin ist der Fisch nun vollkommen verdorben. Von seiner anfänglichen Unschuld und Heiligkeit ist nichts mehr geblieben. Der "holde fisch" wurde zu einem"freßreifen fischkadaver". Dieser wird nun dem lyrischen Ich, welches mittlerweile zu einem "lechzenden vielfraß" geworden ist, serviert. Dieses spricht mit seinem ,.triefenden maul" nun noch ein Tischgebet, bevor es den Fisch endgültig verschlingen kann. "komm! ( .... ) herr jesus! sei unser gast und segne was du uns bescherst hast" (Z. 17-20). Das Gedicht ist eine Rückblende bzw. ein Nachdenken des lyrischen Ichs mit dem Fisch im triefenden Maul.

Nachdem ich das Gedicht nun ausführlich besprochen habe, lässt sich eine Entwicklung erkennen und es stellen sich mir einige Fragen zum Selbstbild des lyrischen Ichs, welche ich nun versuchen werde zu klären.

Das lyrische Ich benutzt drei Hauptbezeichnungen um sich selbst zu beschreiben. "lechzender vielfraß"(Z. 15), "geheiligter gast"(Z. 16) und "todgeweihter"(Z. 2 1). Diese Bezeichnungen machen deutlich, dass wir es hier mit einem sehr zwiespältigen Charakter zu tun haben. Das lyrische Ich fühlt sich zwischen seiner Rolle als braver Gläubiger und als brutal tötender Mensch hin und her gerissen. (Ihm wird bewußt, für weiche Bescherung er sich da bedankt.) Das wird noch deutlicher beim genaueren Betrachten des Gedichtes. Wie ich schon im ersten Teil dieser Interpretation angedeutet habe, lässt sich im Verlauf des Gedichtes eine Entwicklung erkennen. Am Anfang steht der Fisch als ein Symbol für die Unschuld und die von Gott geschaffene, unberührte Natur. Doch durch die Rücksichtslosigkeit und Brutalität der Menschen, welche von dem Angler und der Köchin symbolisiert werden, wird alles verdorben. Gottes Geschenk wird von ihnen selbst, durch ihre Selbstsucht, zerstört. Sie sehen in dem Fisch nichts Göttliches, sondern nur etwas Essbares. So wird aus dem heiligen Fisch schnell ein "freßreifer fischkadaver".

Als das lyrische Ich nun diesen übel zugerichteten Kadaver vor sich liegen hat, steigt eine Spur von schlechtem Gewissen in ihm auf. Doch dieses Gefühl wird schnell, mit Hilfe eines Tischgebetes, verscheucht.

Mit diesem Gedicht schafft es Ernst Jandl, die verlogene und vorgetäuschte Religiosität der Menschen darzustellen. Er kritisiert diese Leute, die die Gaben Gottes durch ihre Selbstsucht zerstören und anschließend mit einem Gebet ihr schlechtes Gewissen beruhigen wollen.

Diese Scheinheiligkeit wird in den Zeilen 15 und 16 sehr deutlich. Dem "lechzenden vielfraß", dem "geheiligten gast" wird etwas vors "triefende maul" gesetzt. Das Heilige ist von Selbstsucht, Gier und Sünde umringt. Doch selbst die Gebete können das lyrische Ich nicht mehr retten. Es ist todgeweiht.

Ernst Jandl beschreibt und kritisiert in diesem Gedicht eine, bei den Menschen oft zu beobachtende, Verhaltensweise. Am Anfang ist Gott da, dann schaffen es die Menschen ihn zu vergraulen, geben ihren Glauben auf und leben gottlos. Wenn sie dann aber das schlechte Gewissen plagt oder sie ihr Ende nahe sehen, machen sie sich wieder auf die Suche nach Gott und hoffen auf Trost und Verständnis.

© Sofie Richardt, 12/2000