Azra Zahovic, 10. Jahrgang, arbeitet z.Zt. an ihrer AutorInnen-Mappe zu Christa Wolf. In einem kleinen Theater in Köln, der Freien Literaturbühne, sah sie sich die Bühnenfassung von Christa Wolfs Roman "Medea. Stimmen" an und berichtet darüber.  
 

Medea (Stimmen)

Das Besondere an diesem kleinen Theater ist, dass sich die Szene immer unmittelbar vor den Zuschauern abspielt, und dass mit Requisiten äußerst sparsam umgegangen wird.

Von dem Theaterstück "Medea" gab es zwei Darstellungen: Zunächst eine unter der Regie von Professor Debiel, der das Stück von Medeas, Jasons und Leukons Seite zeigt. Zwar sprechen auch andere Figuren im Stück, aber sie treten nicht als Personen auf, sondern nur als Stimmen.

Bei der anderen Darstellung, unter der Regie von Fabian v. Freier, treten Akamas, Glauke und Agameda auf, während im übrigen nur die Stimme von Medea zu hören ist.

Im ersten Teil (Prof. Debiel) bestand das Bühnenbild aus einem Sessel, einem modernen Stuhl, einer Bank (die gleichzeitig auch Medeas Gefängnis symbolisierte), und drei mit einer durchscheinenden Folie bespannten Wandschirmen. Hinter dem mittleren Wandschirm, hinter Medeas Bank, erschienen zeitweilig, von oben angestrahlt, Jason bzw. Leukon. Ansonsten lag nur noch ein langes, zusammengefaltetes Tuch auf dem Boden. Vor der Szene war ein durchsichtiger Vorhang, den Medea im Verlauf ihres ersten Auftritts beiseite schob. Medea tritt auf, ihre Schuhe in der Hand, hält einen Moment inne und stellt sie vor sich hin. Sie spricht gestenreich und bewegt sich voller Energie, tanzt manchmal wie wahnsinnig. Im Verlauf der Szene greift sie nach dem Tuch, wickelt es ganz eng um sich, als würde sie sich hineinzwängen, und setzt sich auf die Bank. Das restliche Stück Tuch zieht sie mit den Füßen zu sich heran. Wenig später reißt sie es sich wieder vom Leib und wirft es unter die Bank. Hinter ihr erscheinen währenddessen abwechselnd Jason und Leukon hinter dem Wandschirm. Sie treten aber auch auf der Szene auf. Alle drei monologisieren, ohne sich anzuschauen, d.h. sie schauen in sich hinein. Besonders Medea hat dabei einen völlig starren Blick.

Im zweiten Teil (Fabian von Freier) besteht das Bühnenbild aus einem alten Tisch mit weißer Stehlampe, dahinter einem Stuhl und einer Metallbank ohne Lehne. Schräg im Raum liegt einer der Wandschirme. Glauke tritt in einem weißen Gewand auf , einen langen schwarzen Schal um den Hals, mit dem sie die Schilderung ihrer Erlebnisse und Gefühle unterstreicht. Sie wird hin- und hergerissen zwischen ihren frühkindlichen, ins Unterbewußtsein verdrängten Erinnerungen an den Mord ihrer Schwester Iphinoe, die ihre Krankheitsanfälle auslösen, und dem Wohlgefühl, das ihr Medea vermittelt, der es gelingt, ihr selbst Zugang zu ihrer Seele zu verschaffen und ihre Erlebnisse aufzuarbeiten. Dadurch verschwinden auch ihre epileptischen Anfälle immer mehr.

Dies ist weder im Sinn von Akamas, noch von Agameda. Beide sorgen dafür, dass Medea von Glauke ferngehalten wird und dass Glauke durch Verleumdung ihr Vertrauen in Medea verliert. Damit treten ihre Anfälle wieder auf. Außerdem hält sie sich für schuldig am Ausbruch der Pest im Staat. Akamas hat Angst vor Medea und Angst um seine Stellung am Königshof. Er weiß, ebenso wie Agameda, dass Medea das Verbrechen des Königs an seiner eigenen Tochter aufgedeckt hat, das bis dahin vor dem Volk geheimgehalten werden konnte. Medea muss unter allen Umständen daran gehindert und ihr die Schuld an der Pest zugeschoben werden. Akamas sitzt während des ganzen zweiten Teils hinter dem Tisch und liest seinen Part ab, ohne ihn zu spielen. Agameda hasst Medea abgrundtief und will sie um jeden Preis vernichten, selbst um den der Selbstzerstörung. Sie weiß, dass sie mit Akamas' Hilfe ihre Rachepläne verwirklichen kann. Beide haben dasselbe Ziel, aber ihre Beweggründe sind verschieden. Agameda streut Verleumdungen über Medea aus, unter anderem, dass sie ihren Bruder ermordet habe und deswegen von Kolchis geflohen sei. Diejenigen, die wissen, dass dies nicht wahr ist, schweigen bzw. werden eingeschüchtert. Agameda kommt auf die Szene in einem schwarzblauen Kleid und giftgrünen hochhackigen Sandaletten. Akamas lässt sie warten. Sie setzt sich auf die Bank, spielt nervös mit dem Reißverschluss einer Kollegmappe, springt auf, rennt hin und her, setzt sich wieder, springt auf... Sie schmeichelt Akamas als Mann und weiß ihn sehr geschickt mit stichhaltigen Argumenten zu überzeugen. Agameda spielt ihre Rolle ebenfalls als Monolog, mit fast zurückgeworfenem Kopf und rasend hektischen Bewegungen.

 

Meine Meinung

Der erste Teil (Regie Prof. Debiel) hat mir sehr gut gefallen. Auch wie die Texte von Christa Wolf in ein Theaterstück umgesetzt wurden. Mir gefiel auch die Darstellungsweise durch die Schauspieler, ihre Gestik, ihre Mimik. Man konnte ihre seelischen Vorgänge mitempfinden. Sehr gut gefiel mir auch der äußerst sparsame Einsatz von Requisiten. Vor allem die Figur der Medea hat mich tief beeindruckt: Sie ist gebildet, selbstbewusst und überlegen ("ihr werdet mich nicht klein sehen") und lässt sich nicht, wie die Korintherinnen, unterdrücken und auf die Ebene der Bedeutungslosigkeit verweisen. Damit macht sie sich natürlich auch Feinde. Medea hatte ihre Heimat Kolchis verlassen, weil ihr Vater auf Grund eines uralten und längst abgeschafften Gesetzes seinen eigenen Sohn als Nachfolger ausschaltete, indem er ihn umbringen ließ. Jasons Erscheinen gab ihr die Möglichkeit zur Flucht, weil sie es in Kolchis nicht mehr aushielt. Als sie in Korinth herausfindet, dass dort aus dem gleichen Grund ein gleiches Verbrechen begangen worden ist, fügt sie sich nicht in das allgemeine Verschweigen und Vertuschen. Eher ist sie bereit, den Tod hinzunehmen, denn ihr ist klar, dass sie als Mitwisserin ausgeschaltet werden muss.

Einerseits sind Medeas Klarheit, ihr Stolz und ihr Mut zu bewundern, andererseits sind ihre Entscheidungen und Handlungen für mich nicht unbedingt nachvollziehbar, denn sie setzt damit ja nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das ihrer Kinder aufs Spiel. Sie ist absolut konsequent und kompromisslos bis zur Selbstzerstörung.

Teil 2 (Regie Fabian von Freier) fand ich auch gut gespielt. Besonders ins Auge fallend die giftgrünen Schuhe als Ausdruck von Agamedas vergifteter Seele. Was mir nicht gefiel, war die Darstellung des Akamas. Er las seinen Part nur vor, mit ausdrucksloser Stimme und ohne jegliche Gestik und Mimik. Das war zweifellos vom Regisseur so gewollt, aber mir hat es nicht eingeleuchtet, und es war sehr mühsam, dem Text zu folgen.

Mir gefiel es sehr, dass man sich in der Pause zwischen den beiden Stücken und am Ende mit den Schauspielern und mit den anderen Zuschauern über seine Eindrücke bei einem Glas Wein (Wasser, Saft) unterhalten konnte. Das kam mir sehr freundschaftlich vor, und die Schauspieler waren auch überhaupt nicht von sich eingenommen.

 
   
   
 
© by Azra Zahovic, 30. Oktober 2000