B. Traven ?

 

von Tilman Riedel
 
   


 


 





 

 

 

 

 

 

 

 

Vorwort


Dass mit „B. Traven“ so etwas wie das größte literarische Geheimnis des Jahrhunderts bezeichnet sei, kann man häufig und in vielen Sprachen lesen, in der Boulevard-Presse

nicht anders als in elitären Handbüchern der Weltliteratur. „B. Traven“ war der Verfassername, der auf dem Titelblatt von einem guten Dutzend Büchern, Romanen vor allem, stand, die von 1926 bis 1960 erschienen und bis heute, wie es glaubwürdig heißt, weit über dreißig Millionen Leser in allen Teilen der Welt gefunden haben. „B. Traven“ war ein Pseudonym. Und was das Riesenpublikum, teils weniger anspruchsvoll, teils politisch, teils literarisch interessiert, zu diesen Büchern hinzog, zum Totenschiff etwa,

zum Schatz der Sierra Madre oder zu den Baumwollpflückern, war von Anfang an nicht zuletzt die Aura des Abenteuerlichen und Mysteriösen, die den Autor umgab und noch heute umgibt. Wer ist es, der dieses einzigartige Phänomen heraufbeschworen hat?

„Die Biographie eines kreativen Menschen ist absolut unwichtig.

Meine persönliche Geschichte ist allein meine Sache und ich will sie für mich behalten.“

So äußerte sich B. Traven selbst zu dem Ansinnen, eine Autobiographie zu schreiben. Er wollte im Dunklen bleiben und hat durch sein ganzes Leben Zuflucht hinter einem Pseudonym gesucht.

Über Nacht berühmt, von den Nationalsozialisten verboten, nach dem Krieg wiederentdeckt, wurden manche von Travens Büchern Schullektüre, anhand deren englischsprachige Studenten Deutsch, aber auch Spanisch lernten, während sie deutschen Schülern angemessenes sozialpolitisches Bewusstsein vermitteln sollten. Die Romane und Erzählungen waren Gegenstand von Vorlesungen und Seminaren an Universitäten beiderseits des Atlantiks sowie von internationalen und interdisziplinären Konferenzen.

Jedenfalls eine der Verfilmungen, John Hustons The Treasure of the Sierra Madre, mit Humphrey Bogart in der Hauptrolle, gehörte in vielen Ländern zum Bildungsfond der jüngeren und mittleren Generation.

Wenn es schon keine Sicherheit über seine Existenz gab, so haben doch seine Bücher eine Menge über ihn verraten. Die Schilderung der Helden, deren Sprache und die Umstände sind so authentisch, dass hier viel eigenes Erleben den Hintergrund gebildet haben muss. Das Wenige, was man weiß, lässt B. Traven als aktiven Teilnehmer an den politischen Kämpfen der Zeit zwischen den Weltkriegen erkennen, in denen er stets die Partei der Unterlegenen und Benachteiligten ergriff. Seine Parteilichkeit hat er nie abgelegt. Er schrieb nicht nur, sondern er versuchte auch, als „neuer Mensch“ ohne die Eitelkeiten der alten Gesellschaft zu leben. So lässt sich seine gewollte Anonymität am ehesten verstehen.

In der Lektüre des „Totenschiff“ habe ich eine vergangene Welt entdeckt, die heute noch fortlebt. Unter menschenunwürdigen Verhältnissen müssen Seeleute für Spottlöhne auf seeuntüchtigen Schiffen um die Welt fahren. Tankerunglücke , Havarien, Meeresverschmutzung, nicht gezahlte Heuer sind mehr oder weniger große Nachrichten jeden Tag. Obwohl B. Traven aus den Regalen der Buchhandlungen, aus den Köpfen der Buchhändler und der Kenntnis der Leser geschwunden ist, möchte ich mit meiner Mappe für ihn werben.

 


Alles, was lebt, was existiert, was vegetiert, was auch nur vorhanden ist, muss frei sein, muss zum Bewusstsein seiner selbst, zur erhabenen Höhe des göttlichen Zentrums gelangen, das alles belebt, was ist. Absolute Freiheit und Liebe sind unser Ziel; die Menschheit und das ganze Universum zu befreien, ist unsere Bestimmung.

Michael Bakunin










Erstes Kapitel/

Die Biographie


Da B. Traven sein Leben lang versucht hat seinen „wahre“ Identität zu verschleiern und unter zahlreichen Pseudonymen gelebt hat, kann eine ausschließlich objektive Biographie leider nur sehr kurz sein.

Trotzdem habe ich versucht wenigstens die Eckdaten seines Lebens zu sammeln und hier wiederzugeben.

Fest steht, dass B. Traven irgendwann um das Ende des 19. Jahrhunderts herum geboren wurde1, zwischen 1907 und dem Winter 1923 in Deutschland lebte und unter dem Pseudonym Ret Marut aktiv an der Münchner Räterepublik teilnahm, in der er unter anderem für die

 

radikal-anarchistische Zeitung der Ziegelbrenner schrieb. Unmittelbar vor seiner beabsichtigten Hinrichtung durch die Weißgardisten floh B. Traven aus Deutschland und verbrachte auf seiner Flucht durch Europa auch einen Winter in London. Später (Sommer 1924) kam er nach Mexiko, über das er selbst schreibt (Biographie eines Rätsels, von Karl S. Guthke, Seite 255):

 

„Mexiko ist das Land, wo es taktlos, beinahe beleidigend ist, jemand nach Namen, Beruf, Woher und Wohin auszuforschen.“

Mexico war nach der Revolution von 1909-1923, die mit dem Sieg der „Partei der institutionalisierten Revolution“ endete, ein Sammelbecken für die politischen Flüchtlinge aus der ganzen Welt geworden. Hier fanden die Verfolgten des Stalinregimes, Opfer des Nationalsozialismus und auch kritische Geister aus den USA Aufnahme. Viele politisch und sozial engagierte Menschen kamen aber auch nach Mexiko, da sie sich vom Sieg der Revolution die Entstehung einer neuen gerechten Gesellschaft versprachen, in der soziale Not, Bildungsarmut und Unterdrückung der Schwachen der Vergangenheit angehören würde. Es herrschte eine Aufbruchsstimmung, die insbesondere die Kunst, Malerei, Bildhauerei, die Literatur, die Musik und die Photographie erfasste. Zeitgenossen von Traven in Mexico waren der Revolutionsmaler Diego Rivera, dessen Frau Frieda Kahlo, die Photographin Tina Modotto und viele mehr.

In dieser Zeit machte er weitere Reisen, die Ihn ins Landesinnere und auch die Nachbarländer mit ihren fremden Landschaften und den Zeugen der großen Vergangenheit Mittel- und Südamerikas führten. Aus seinen Erlebnissen im Dschungel und bei den Goldsuchern gewann er den Stoff für weitere Romane.

In Mexiko heiratete Traven Rosa Elena Luján, die 2 Töchter mit in die Ehe brachte. Er betrachtete sich immer als deren Vater und sie kümmerten sich später um sein Werk.

Er wurde vom mexikanischen Staatspräsidenten sehr geschätzt, mit dem er auch persönlich bekannt war.

In Mexiko lebte er bis zu seinem Tod am 26. März 1969. An seiner Totenfeier nahm die Staatsführung teil.

Wesentlich ausführlicher versuche ich ein Licht auf die „wilden“ Zeiten in Travens Leben im zweiten Teil dieses Kapitels zu werfen, in welchem ich mich hauptsächlich auf die Informationen aus der sehr detaillierten Biographie des Traven-Bewunderers Karl S. Guthke berufe.

Die Biographie „zweiter Teil“

Am 26. März 1969, war Traven in seinem Haus in der Calle Mississippi, ein paar Schritte von der imposanten Unabhängigkeitsstatue im Zentrum der Ciudad, hochbetagt gestorben – ohne dass er von seinem Geheimnis mehr als nur einen Zipfel gelüftet hätte.

Die Todesnachricht erregte nationales und internationales Aufsehen. Eins der ersten Beileidstelegramme an die mexikanische Familie des deutschen Auswanderers kam aus dem Präsidentenpalais, persönlich gezeichnet vom Staatschef Gustavo Biaz Ordaz:

„Wenige Schriftsteller sind so sehr in die Seele der Mexikaner eingedrungen und haben mit so umfassendem Verständnis über unser Land und unser Volk geschrieben wie B. Traven.

In die wichtigsten Fremdsprachen übersetzt, trugen seine Bücher den Namen Mexikos in die ganze Welt. Mexiko wird seiner stets als eines glänzenden Autors und großen Freundes gedenken.“

Reporter, Photographen und Fernsehteams schwärmten durch die drei Stockwerke des eleganten Hauses. Am nächsten Tag wird Travens Tod in einer umfangreichen Würdigung auf der ersten Seite der führenden Tageszeitung des Landes, Excelsior, gemeldet. Die Zeitschriften Manana, Siempre und Impacto bringen am 5., 9. bzw. 16. April große Bildberichte über Leben und Tod und „misterio“ des in Mexiko berühmt gewordenen Zentraleuropäers, der 1924 in oder bei Tampico als mittelloser Gelegenheitsarbeiter an Land gegangen war, der seine Romane auf deutsch schrieb, aber beharrlich behauptete, kein Deutscher zu sein, sondern gebürtiger Amerikaner; seine Muttersprache sei Englisch.

Sein letzter Wunsch wurde erfüllt. Der Gouverneur von Chiapas und der Bürgermeister von Tuxtla Gutierrez, der Hauptstadt des Staates, luden zu einer großangelegten Gedächtnisfeier ein, die am 17. April in Tuxtla Gutierrez stattfand. Die Witwe Travens und ihre beiden Töchter übergaben am Mittag in einem feierlichen Akt auf dem Flughafen die hölzerne Urne, die Travens Asche enthielt.

Im Beisein von prominenten Persönlichkeiten aus mexikanischen Künstlerkreisen wurde die Leiche am 27. März eingeäschert. Traven hatte bestimmt, dass seine Asche über dem Rio Jatate im Dschungel des Bundesstaates Chiapas, im äußersten Süden des Landes, verstreut werden solle: über dem Schauplatz mehrerer seiner Romane, welche die Ausbeutung der Indios in den Mahagoni-monterias zum Inhalt hatten, jenen berüchtigten Holzfällerlagern, die dort am Anfang des Jahrhunderts bestanden, Seit den zwanziger Jahren war Traven hier oft gewesen; ausgerüstet mit Kamera, Schreibmaschine, Büchern, Notizheften und —merkwürdigerweise — mit einem Grammophon, unternahm er hier mit einem indianischen Führer seine einsamen Dschungelexpeditionen auf der Suche nach authentischem Material für seine in Chiapas spielenden Romane.

Unter Vorsitz des Gouverneurs fand anschließend im Palacio Municipal die offizielle Ehrung des Toten statt. In der neugegründeten Universität von Chiapas wurde am Spätnachmittag eine Ausstellung der Bücher Travens eröffnet; abends war die erste von neun Dichterlesungen zu hören, in denen im Laufe des Monats bekannte mexikanische Autoren aus ihren Werken vortrugen, eine Hommage an den Mann, der Mexiko in die Weltliteratur eingeführt hatte.

Dieser letzte Akt, das Verstreuen der Asche im Urwald Mittelamerikas, dürfte nicht nur im Sinne des späten, des alternden Traven gewesen sein. Der Gedanke an die Umstände des eigenen Todes hatte ihn schon weit früher beschäftigt, und obwohl er damals nicht hatte ahnen können, in welchem abgelegenen Winkel der Welt er zur Erde zurückkehren werde, hätte er das spurlose Verwehen seiner Asche bereits in jenen Jahren als Wunscherfüllung betrachten können. Damals führte er den Decknamen

Ret Marut.

(Der Zipfel seines „Geheimnisses“, den Traven selbst gelüftet hat, war der Auftrag an seine Gattin, nach seinem Tode seine Identität mit dem Schauspieler, Journalisten und Revolutionär Ret Marut bekanntzugeben,

die zu diesem Zeitpunkt allerdings längst mit Sicherheit erschlossen worden war.)

In der radikal-anarchistischen Zeitschrift

 

Der Ziegelbrenner, die Marut von 1917 bis 1921 zunächst in München und seit Ende 1919 mit dem Druckvermerk „Wien“ herausbrachte, hat er sich tatsächlich einmal ein solches restloses Verschwinden im Tod gewünscht, wie es dann im Dschungel von Chiapas Wirklichkeit wurde: den anonymen Tod.

 

„Sobald ich mein Ende herannahen fühle“, schrieb er 1918 im vierten Heft unter dem Eindruck der Trauerfeier für Frank Wedekind (siehe Anhang/Biographie, der Verf.), „werde ich mich gleich dem Tier in das dichteste Gestrüpp verkriechen, wohin mir niemand zu folgen vermag. Und hier will ich dann in Andacht und in Ehrfurcht das unendliche Wissen erwarten und lautlos verrecken und still und schweigend hinüber gehen zu der großen Einheit, von der ich gekommen bin. Und dankbar will ich den Göttern sein, wenn sie mit meinem Leichnam hungernde Aasvögel und verstoßene Hunde einmal satt füttern, so dass auch nicht ein bleiches Knöchelchen übrig bleibe“ (S.94).

Noch vier Jahrzehnte später, 1958, in der Letztfassung der Novelle „Der Nachtbesuch im Busch“, kehren die Gedanken des Erzählers in seinen abschließenden Worten zu diesem besonderen Tod zurück, und zwar mit wörtlichem Anklang an die Ziegelbrenner-Äußerung: beide Stellen zusammen nehmen Travens Bitte vorweg, seine Asche über dem Regenwald am Rio Jatate zu verstreuen.

Ein Leben auf der Flucht

Dem Wunsch nach dem anonymen Tod entspricht die jahrzehntelange Passion für das anonyme Leben als Verheimlichen der eigenen Identität, als Untertauchen im Namenlosen bzw. in einer anderen Identität, in der die wahre spurlos verschwindet. So gab B. Traven sich in seiner mexikanischen Zeit nicht nur als Ingenieur und Gastwirt Senor „Torsvan“, sondern auch als seinen eigenen literarischen Bevollmächtigten „Hal Croves“ aus, und schon im Ziegelbrenner von 1918 hatte der Mann, der sich „Marut“ nannte, geschrieben: „Ich bin nichts als ein Ergebnis der Zeit, das innigst wünscht, so namenlos in die große Allgemeinheit wieder zu verschwinden, wie es völlig namenlos [...] heute [...] seine Worte hinausschreien muss“ (Heft: 4, S. 84).

Den anonymen Tod dürfte Traven als Krönung und Besiegelung seines anonymen Lebens verstanden haben. Anonymer Tod, anonymes Leben – das Leben des mexikanischen Erfolgsautors „B. Traven“ steht in der Tat ganz im Schatten des Todes: Der Tod Maruts ist die Voraussetzung für das Leben Travens. Dieser Tod Maruts aber ist nicht nur der metaphorische des Eintauchens in eine andere Identität, den Traven meint, wenn er am 26. Juli 1924 in seinem Tagebuch vermerkt: „The Bavarian of Munich is dead“ (Nachlass). Vielmehr wäre es um ein Haar ein physischer Tod gewesen, fast genau fünfzig Jahre vor dem Ableben in Mexico City, nämlich in den Tagen des Zusammenbruchs der bayerischen Republik der Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte, die sich in den Wirren der ersten Nachkriegszeit in München etabliert hatte.

Marut war einer der führenden Köpfe der Räterepublik, obwohl er, im Frühjahr 1919, relativ unauffällige Funktionen innehatte: Er war im Propagandaausschuss des Provisorischen Revolutionären Zentralrats als einer von mehreren Zensoren der lokalen Tageszeitungen tätig und war Vorsitzender der Vorbereitenden Kommission zur Bildung des Revolutions-Tribunals, wie er im 18.– l9. Heft des Ziegelbrenners, in dritter Person von sich selbst sprechend, mitteilt (S. 15).

Als am 1. Mai Regierungstruppen unter General von Epp in München eindrangen und Jagd auf „die Roten“ machten, wurde Marut auf der Straße von Weißgardisten erkannt und verhaftet. Im Kriegsministerium verhörte ihn ein Schnellgericht von unbestimmter Autorität, bezichtigte ihn des Hochverrats, der mit unmittelbarem Vollzug der Todesstrafe zu ahnden gewesen wäre. Da Marut aber kein Geständnis abzulegen bereit war, wurde er durch die blau-weiß und schwarz-weiß-rot beflaggten Straßen in die ehemalige königliche Residenz gefahren, wo ein Feldgericht tagte, das mit Arbeiterführern, revolutionären Matrosen, Spartakisten2 und Rotgardisten kurzen Prozess machte. In Minutenfrist entschied hier ein zigarettenrauchender Leutnant des Freikorps über Tod und Leben; für Zweifelsfälle galt Sofortexekution durch Erschießen im Hof. Kurz bevor Marut, der unter diesen Umständen fest mit Todesurteil und unverzüglicher Hinrichtung zu rechnen hatte, an der Reihe war, entstand jedoch im Vorzimmer, wo die Verhafteten warteten, ein Handgemenge mit den Wachmannschaften; Marut nutzte den Moment zur Flucht. „Zwei Soldaten, in denen einen Augenblick lang wohl ein Funken Menschlichkeit aufstieg, als sie sahen, wie hier mit dem Kostbarsten, was der Mensch besitzt, mit dem Leben, umgegangen wurde, waren an diesem Entkommen nicht unbeteiligt. Ihnen sei an dieser Stelle gedankt“, schreibt Marut in seinem Bericht im 18.– 19. Ziegelbrenner-Heft, „für die Erhaltung eines Menschenlebens“ (S. 20). Das erhaltene Menschenleben war das Travens.

(Auf diese eben beschriebenen Vorgänge möchte ich in dem Kapitel „Seine Zeit“ mit dem vollständigen Zitat aus dem Ziegelbrenner eingehen. der Verf.)

Marut – von der Münchner Staatsanwaltschaft steckbrieflich als Hochverräter gesucht – verschwand spurlos in den Untergrund, war jahrelang in verschiedenen europäischen Ländern auf der Flucht, bis er im Sommer 1924 als B. Traven oder auch B.T. Torsvan oder Traven Torsvan (das Pseudonym wechselt in der ersten amerikanischen Zeit) an der karibischen Küste Mexikos, im Bundesstaat Tamaulipas, wiederauftaucht.

Seine Romane sind heute in etwa drei Dutzend Sprachen in einer Gesamtauflage von vielen Millionen verbreitet, 32 Millionen, behauptet die Illustrierte Stern am 15. April 1982 (S. 106). Schon 1969 sollen es, nach dem Artikel in der Welt zu urteilen, 25 Millionen gewesen sein. Verständlich, dass das Echo auf die Todesachricht aus Mexiko weltweit war.








Anhang/ Biographie


Wedekind, Frank, eigentlich Benjamin Franklin Wedekind (1864-1918), Dramatiker. Durch seine Experimente mit unkonventionellen Themen und bühnentechnischen Mitteln gilt er nicht nur als Vorbild des Expressionismus in Deutschland, sondern auch als Wegbereiter der europäischen Tradition des absurden Theaters.



Wedekind wurde am 24. Juli 1864 als Sohn eines Arztes in Hannover geboren. Zunächst studierte er Jura in München und Zürich, brach sein Studium jedoch ab und war zeitweise als Texter in der Werbebranche und als Journalist tätig. (In den Jahren 1886 und 1887 arbeitete er als Reklamechef des Gewürzmittelherstellers Maggi.)

Danach wurde er Zirkussekretär und Dramaturg. In den späten achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts stand Wedekind einige Zeit unter dem Einfluss des deutschen Dramatikers Gerhart Hauptmann. Später wandte er sich von dem von Hauptmann vertretenen Naturalismus ab und bevorzugte neue dramatische Formen, wie sie der schwedische Dramatiker August Strindberg und Georg Büchner schufen. Wedekind lebte ab 1895 als freier Schriftsteller abwechselnd in Berlin, München, Zürich, Dresden und Leipzig und hielt sich öfter in London und Paris auf. 1899 musste er wegen Majestätsbeleidigung für zwei Jahre in Haft. Um die Jahrhundertwende trat er als Schauspieler in seinen eigenen Stücken auf und stand als Lautensänger und Rezitator auf Kabarettbühnen, u.a. in Ernst von Wolzogens Überbrettl und im Münchner Kabarett Die Elf Scharfrichter, wo er auch eigene Balladen und Chansons vortrug (Lautenlieder, posthum 1920).

Daneben war er Mitarbeiter der satirischen Zeitschrift Simplicissimus. Zwischen 1905 und 1908 gehörte Wedekind zum Ensemble des Deutschen Theaters in Berlin. Nach seiner Heirat 1908 ließ er sich dauerhaft in München nieder. Dort starb er am 9. März 1918.

In seinen frühen Stücken, darunter Die junge Welt (1890) und Frühlings Erwachen (1891), schilderte Wedekind die erwachende Sexualität Jugendlicher, die sich in einer ihnen gegenüber als feindlich empfundenen Erwachsenenwelt behaupten müssen. Diese Werke sowie die Tragödie Der Erdgeist (1895), der erste Teil seines Skandalstückes Lulu, machten ihn bekannt. Im zweiten Teil der Lulu-Tragödie (Die Büchse der Pandora, 1904) stellte Wedekind die Dämonisierung der unbefangenen Erotik durch die Gesellschaft dar; beide Teile wurden von Alban Berg unter dem Titel Lulu vertont. Mit grotesk anmutenden Darstellungen wollte der Autor das Publikum schockieren und provozieren. Ziel war ein Durchbruch der erstarrten Konventionen und Moralvorstellungen des Bürgertums mit den Mitteln künstlerischer Darstellung, die sich zwar realistisch gab, das Geschehen aber allegorisch bzw. symbolisch fasste und beizeiten stark überspitzte. Die Aufführung vieler von Wedekinds antibürgerlichen Werken war zeitweise verboten, da sie als unsittlich galten. Heute gehören die emanzipatorischen Stücke des „Bürgerschrecks“ zum Repertoire zahlreicher Bühnen. Zu Wedekinds Dramenwerk gehören außerdem Der Kammersänger (1899), Der Liebestrank (1899), Marquis von Keith (1901),So ist das Leben (1902, 1911 erweitert unter dem Titel König Nicolo oder So ist das Leben), Totentanz (1906), Musik (1908), Schloß Wetterstein (1910), Bismarck (1916) und Herakles (1917). Des Weiteren hinterließ Wedekind das Romanfragment Mine-Haha oder Über die körperliche Erziehung der jungen Mädchen (1903). Weitere Prosa ist in dem Band Die Fürstin Russalka (1897) versammelt.


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Zweites Kapitel/

Einige Informationen über die Zeit, in der B. Traven lebte


Ich möchte mich in diesem Kapitel besonders auf die Münchener Räterpublik konzentrieren, weil Ret Marut (B. Traven) sich in dieser, für ihn wohl wichtigsten politischen Zeit, aktiv an den politischen und gesellschaftlichen Vorgängen in Deutschland und besonders in München beteiligt hat.

Am 7. November 1918 war, wie in den letzten Kriegstagen auch anderswo in Deutschland, in München die Republik proklamiert worden.

Die Wittelsbacher3 wurden für abgesetzt erklärt; das Königshaus floh bei Nacht und Nebel. Ministerpräsident wurde der aus Berlin stammende Schriftsteller Kurt Eisner, ein führender Kopf der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD). Er stützte seine Regierung auf die Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte, die sich in Bayern gebildet hatten.

„Die oberste Behörde“, verkündete das von Eisner unterzeichnete rote Plakat, das überall in Bayern angeschlagen wurde, „ist der von der Bevölkerung gewählte Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat, der provisorisch eingesetzt ist, bis eine endgültige Volksvertretung geschaffen werden wird. Er hat gesetzgeberische Gewalt.“ Schwierig wurde Eisners Lage, als seine Partei bei den bayerischen Landtagswahlen vom 12. Januar 1919 nur 2,5% der Stimmen erhielt.

Am 21. Februar wird Eisner auf dem Wege zum Landtag, wo er unter dem Druck der öffentlichen Meinung seinen Rücktritt bekanntgeben will, das Opfer eines Attentats.

Die Abgeordneten gehen unverrichteter Dinge auseinander; eine neue Regierung wird nicht gebildet. Unruhen setzen sofort ein.

Erst am 18. März tritt der Landtag wieder zusammen; er wählt die Koalitionsregierung des Sozialdemokraten Johannes Hoffmann, der im Kabinett Eisner Kultusminister gewesen war. In der Zwischenzeit und in der Folgezeit wird in den verschiedenen Räten und ihrer Dachorganisation, dem Zentralrat, wiederholt über die Ausrufung einer Räterepublik diskutiert.

Vermutlich war an diesen Debatten auch Ret Marut beteiligt. Erst am 7. April jedoch gipfeln die Diskussionen und Agitationen4 in der Proklamation der Räterepublik in Bayern. Die Regierung Hoffmann flieht nach Bamberg. Die Regierungsgewalt übernimmt der „Provisorische Revolutionäre Zentralrat“der Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte unter Vorsitz zunächst von Ernst Niekisch, dann von Ernst Toller.

„Volksbeauftragte“(Minister) leiten die Ressorts. Kaum sind aber die ersten Maßnahmen der Räteregierung angelaufen – Einsetzung von Revolutionstribunalen, Aufbau der Roten Armee, Einleitung derPressesozialisierung, Entwaffnung des Bürgertums, Hochschulreform, Wohnraumrationierung, Besetzung der Banken und Regulierung ihrer Praktiken usw. –, da putscht im Einverständnis mit der Bamberger Regierung ein Teil der Republikanischen Schutztruppe am 13. April gegen die Räterepublik. Mitglieder des Zentralrats werden verhaftet; statt der Wiederherstellung des „status quo“ jedoch wird eine zweite Räteregierung gebildet, in der die Kommunisten, die an der ersten unbeteiligt gewesen waren, ans Ruder kommen. Levine führt den Vorsitz über einen fünfzehnköpfigen Aktionsausschuss, der zunächst den Generalstreik ausruft, als ersten Schritt zur Verwirklichung der Diktatur des Proletariats. Während einige Mitglieder der ersten, der anarchistischen Räteregierung die neue Lage zunächst akzeptieren und sogar ihre Mitarbeit anbieten, organisiert die Hoffmann-Regierung mit Unterstützung aus Berlin die militärische Niederschlagung der Revolution von außen.

Tagelang wüten um und in München die Kämpfe zwischen der Roten Armee und der Weißen Garde, der Hoffmann-Regierung, die von Freikorpseinheiten (Resten des Kaiserlichen Heeres) unterstützt wird. Am 1. Mai fällt die zweite Räterepublik. Die Regierung Hoffmann zieht wieder in München ein. Den Anführern der Revolution und Tausenden von Mitbeteiligten wird der Prozess gemacht; Todesurteile werden noch im September 1919 ausgesprochen.

Welche Rolle Ret Marut (= B. Traven) in diesen politischen Entwicklungen genau gespielt hat, ist bestenfalls skizzenhaft zu rekonstruieren, offiziell war er verantwortlich für die Informations- und Pressepolitik der Revolutionsregierung. Einiges ist zunächst aus dem Ziegelbrenner zu entnehmen. Um die Kontinuität seiner Agitation zu demonstrieren, druckt er im ersten Nachkriegsheft all die Texte, die ihm die Zensur während der Kriegszeit gestrichen hatte. In diese Zeit fallen auch die beiden Ziegelbrenner-Vortragsabende in München, auf denen Marut zweifellos der Hauptakteur war. Der erste erregte erhebliches Aufsehen, das die Presse entsprechend kommentierte.

Der Ziegelbrenner berichtet selbst darüber. Vorgetragen wurden, am l4. Dezember 1918, die Aufsätze, welche die militärische Zensur gestrichen hatte, und zwar wurden sie vorgeblich nicht von Marut selbst vorgelesen, sondern von jemand anders, „ich hatte in Norddeutschland wichtigere Dinge zu tun“ (schreibt er im Ziegelbrenner/Heft: 15, Seite 15) – Marut spielt das Versteckspiel, das er später noch als Traven spielen wird. Nach der Reportage der Münchener Neuesten Nachrichten, die Der Ziegelbrenner abdruckt, war der Saal im Kunstsalon Steinicke in Schwabing verdunkelt, „und auch der Vortragende stand im Dunkeln; nur auf sein Manuskript fiel ein spärliches Licht“. Das Publikum protestierte, der Vortragende las weiter, bis sich im Anschluss an seine Bemerkung, es habe in der Kriegszeit mehr Mut dazugehört, eine Zeitschrift herauszugeben als im Schützengraben zu liegen, ein „Sturm der Entrüstung“ erhob. „Deutschland, Deutschland über alles“ singend, verließ das Publikum den Saal. Genüsslich geradezu beschreibt der Ziegelbrenner den Tumult. „Es wurde mit den Stühlen gestampft, gesungen und gelärmt“ usw. (S. 16). Die Verdunkelung rechtfertigte Marut mit künstlerischen Gründen: So wie es im Konzert auf die Musik und nicht auf den Musiker ankomme, so bei einem Vortrag auf das Wort und nicht auf den Redner. In der ersten Ziegelbrenner-Lesung hatte Marut wieder einmal seinem Zorn auf die obrigkeitshörige und von der Geschäftswelt kontrollierte Presse freien Lauf gelassen, die das Volk in geistiger Sklaverei halte (Heft: 15, S. 20).

Er setzte also die Kampagne für eine freie Gesellschaft fort, die er bereits in der letzten Kaiserzeit geführt hatte.

Folglich haben denn auch die öffentlichen politischen Stellungnahmen Maruts in der Zeit der nachdynastischen Regierungen in Bayern immer wieder mit jener „Sozialisierung“ der Presse zu tun, die von Eisners Regierungsantritt bis zum Kollaps der zweiten Räteregierung ein Hauptpunkt der republikanischen Reform war. Zunächst wählt Marut sich noch den Ziegelbrenner zum Forum.

So druckt er auf dem Umschlag des 15. Hefts am 30. Januar 1919, als er offenbar noch keine amtliche Funktion in der Exekutive der Republik innehat, den Aufruf „Ich fordere die Freiheit der Presse!“ Er verlangt darin für die Tageszeitungen die Abschaffung der Inserate, durch welche die ökonomisch herrschenden Kreise die Freiheit der Meinungsäußerung und Meinungsbildung manipulierten. Diesem Aufruf folgt im 16.– 17. Heft (10. März 1919), wieder auf dem Umschlag, „Meine Forderung“, die auch als Flugblatt verbreitet wurde. Um den „im kapitalistischen Sinne tätigen Journalismus“ in grundsätzlicherer Weise auszurotten, ist es jetzt erforderlich, die Presse zu sozialisieren, das heißt: zu enteignen und dem „revolutionären Proletariat“ als rechtmäßige Waffe in seinem Befreiungskampf in die Hand zu geben.

In der Zwischenzeit war Marut an ein weniger „privates“ Forum für die Propagierung seiner Gedanken zur Pressesozialisierung gekommen, als seine Hauszeitschrift (der Ziegelbrenner)

es sein konnte. Und zwar hat er dort sicherlich schon darum mehr Resonanz gefunden, weil er mittlerweile als Mitbeteiligter an der nachdynastischen Regierung sprechen konnte. Welche offiziellen Funktionen Marut während der bayerischen Umsturzzeit innegehabt hat,

hat Der Ziegelbrenner selbst nur in etwas unbestimmter und sicher unvollständiger Weise angegeben. Im 18.-19. Heft, in der Schilderung der Verhaftung, des Verhörs und der um ein Haar ausgesprochenen Verurteilung Maruts am 1. Mai 1919 ist unter der zynischen Überschrift „Im freiesten Staate der Welt“ davon die Rede. Der Hochverrat Maruts, heißt es dort, bestehe darin, dass er der „Vorbereitenden Kommission zur Bildung des Revolutions-Tribunals“ und außerdem dem „Propaganda-Ausschuss“ der Räteregierung angehört habe (S.15). Diese Behauptung wird bestätigt durch das Protokoll der Zentralratssitzung vom 8. April 1919 (Staatsarchiv München) sowie durch den Steckbrief der Staatsanwaltschaft München (Staatsarchiv München, Akte Staatsanwaltschaft München I, 3122: „Rädelsführer“) und durch die Fahndungsliste („Hochverrat“) des Bayerischen Polizeiblattes vom 23. Juni 1919. Überdies wurde Marut in der Zentralratssitzung vom 17. April 1919 in eine Kommission berufen, die „eine äußerst intensive Aufklärungsarbeit in den Kasernen“ betreiben sollte (Staatsarchiv München). Wie viel Marut diese Positionen bedeutet haben, entnimmt man seiner eigenen Darstellung (in der dritten Person, ähnlich wie Torsvan später über Traven in der dritten Person sprechen sollte) im Ziegelbrenner:

„Ich greife meiner späteren Arbeit vor und erkläre schon heute: es hat bis zu dieser Stunde auf der ganzen Erde noch kein Gericht gegeben, in dem alle Urteile mit einem so tiefen menschlichen Verstehen jeder menschlichen Tat gefällt wurden wie bei diesem Revolutions-Tribunal, das die bairische Regierung und die Presse-Zuhälter als Schreckensgericht bezeichneten. Dass dieses Schreckensgericht von einer so hohen Auffassung des Richteramtes beeinflusst wurde, ist nicht zum wenigsten das Verdienst des M (=Marut, der Verf.), der – und das teile ich der Staatsanwaltschaft mit, weil sie das bisher nicht wusste – von der Vorbereitenden Kommission einstimmig zu ihrem Vorsitzenden und Sprecher gewählt worden war. Der Provisorische Revolutionäre Zentral-Rat der Räte-Republik Bayern hatte M mit einstimmigem Beschluss in diese Kommission entsandt.

In der Betriebsräte-Versammlung, welche die höchste Regierungsgewalt der Räte-Republik Bayern ausübte, wurde M einstimmig – und zwar nach Vorschlag eines Buchdruckers, der in einer bürgerlichen Zeitung tätig ist – in den Propaganda-Ausschuss gewählt. M erklärt heute noch und er wird es immer sagen, dass diese Wahl durch revolutionäre Betriebsräte für ihn die höchste Ehre und für sein Arbeiten die höchste Anerkennung bedeuten, die ihm seit der November-Maskerade bis heute zu Teil geworden sind. In allen seinen Arbeiten – Ämter hat er nicht gehabt, – die ihm von der revolutionären Arbeiterschaft übertragen worden waren, hat er die Ideen vertreten, die im Ziegelbrenner nachgelesen werden können.“ (Heft: 18 – l9, S.15)

Die Angaben lassen sich sogar noch etwas präzisieren.

Zu Eisners Lebzeiten hatte Marut wohl keine offiziellen Funktionen. Während des Interregnums (Zwischenregierung) nach Eisners Ermordung wurde er, am 24. Februar 1919, in die Presseabteilung des Zentralrats berufen, wo er als Zensor der München-Augsburger Abendzeitung fungierte, solange die bürgerlichen Zeitungen der Zensur unterstellt blieben (bis zum 15. März). Er veröffentlichte auch selbst Artikel in dieser Zeitung, vor allem am 5. März 1919 eine polemische Rechtfertigung der Aufsicht des Zentralrats über die Presse – eine ironische Rolle für den Mann, der sich vorher nicht genugtun konnte, die (kaiserliche) Zensur verächtlich zu machen. Für die Sozialisierung der Presse setzte Marut sich in dieser Zeit nicht nur mit dem Flugblatt „Meine Forderung“ ein, sondern auch mit Plakatanschlägen und einem Offenen Brief an den Ministerpräsidenten Hoffmann. Als Sprecher der Presseabteilung trat er ferner in Versammlungen auf, in denen damals die Pressesozialisierung diskutiert wurde.

Als die Regierung Hoffmann am 30. März 1919 eine alle derartigen Bestrebungen koordinierende „Pressesozialisierungs-Kommission“ ins Leben rief, wurde Marut sofort zum Mitglied bestimmt, und zwar in seiner Eigenschaft als Vertreter der Presseabteilung des Zentralrats.

Mit der Gründung der Räterepublik am 7. April und der Wiedereinführung der Zensur der bürgerlichen Zeitungen festigte sich seine Position in der Presseabteilung des Zentralrats: Noch am gleichen Tag wurde er zum Leiter der Abteilung ernannt und damit zum Chefzensor für alle bürgerlichen Tageszeitungen in Bayern. Marut muß in dieser Entwicklung den Höhepunkt seiner aktivistischen Existenz erblickt haben.

„Für das Räte-System und damit auch für die Räte-Republik zu arbeiten, muss die Aufgabe des Revolutionärs von heute sein“, schrieb er Ende 1919 im Ziegelbrenner (Heft: 18 – 19 S. 21).

Die Pressesozialisierungs-Kommission bestand während der Räteregierungszeit weiter; und gleich am zweiten Tag der (ersten) Räterepublik diskutierte sie unter einer Reihe von Pressesozialisierungsprojekten auch den Plan Ret Maruts zur Enteignung der Presse und ihrer Kontrolle durch die Regierung. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde sein „Sozialisierungsplan für die Presse“ zugänglich durch den Abdruck in den Münchner Neuesten Nachrichten vom 10. April 1919, wo Marut überdies einen umfänglichen Artikel über „Presse-Freiheit oder Befreiung der Presse“ veröffentlichte. Auf seine sonstigen Aktivitäten als Leiter der Presseabteilung des Zentralrats deutet ein Anfang März 1919 für die Münchner Tageszeitungen vorgesehener, erhaltener, Text zur Pressesozialisierung (der allerdings unveröffentlicht blieb), der die Überschrift „Presse-Freiheit oder Befreiung der Presse“ trägt, hin. Solche Rückschläge könnten ein Beleg dafür sein, dass die Position Maruts und seines Kreises keineswegs so sicher war, wie die selbstgewissen Proklamationen in der Presse und an den Litfasssäulen den Anschein gaben. Doch wie dem auch sei: Lange hat die Herrlichkeit des Revolutionärs (damals, im Frühjahr 1919), so oder so nicht gedauert. Am 1. Mai schon war alles vorbei. Marut selbst hat im Ziegelbrenner, in dem bereits erwähnten ironisch-polemischen Bericht „Im freiesten Staate der Welt“ (wo er, wie gesagt, offenkundig in der dritten Person von sich selbst spricht), die Vorgänge, soweit sie ihn persönlich betrafen, dargestellt. Das war mehr als ein halbes Jahr nach dem Fiasko der Revolution, als seine Gesinnungsgenossen und Mitkämpfer bereits mit jener Brutalität der „königlich wittelsbacher Sozialdemokraten“ eingekerkert und nach kurzem Prozess

„gesetzlich ermordet“ wurden, Dass Marut seinerseits, „von der bayrischen Regierung steckbrieflich wegen Hochverrat gesucht“, nicht umkam ist eine Sache des Zufalls, besonders, wenn man sich vor Augen hält, welche Strafe auf seinem „Vergehen“, auf seinen durch die amtlichen Fahndungsaktionen notorisch gewordenen Funktionen in der Räterepublik stand:

Es war, wie er im Dezember 1919 präzisiert, fünfzehn Jahre Zuchthaus oder Hinrichtung, „wenn man ihm ehrlose Gesinnung nachweist, was die bayrischen Schandrichter so im Handumdrehen fertig bringen, wie die Prozesse auch dem verranntesten Reaktionär offen zeigen“ (Heft: 18 – 19, S. 15).

Ein weiteres, sehr beeindruckendes Dokument für die Zeit der Münchener Räterepublik und die Verhältnisse in denen B. Traven (Ret Marut) lebte, ist meiner Meinung nach Ret Maruts Darstellung, des letzten Tages der Rätezeit, des 1. Mais 1919, den er im Ziegelbrenner, wie folgt schildert:

Als M im Café Maria Theresia in der Augustenstraße saß, wo er hoffte, einige Teilnehmer der Sitzung zu treffen, begannen die Autos der Weiß-Gardisten bereits durch die Straßen zu sausen, um München vom „roten Terror“ zu befreien. Die Weiß-Gardisten machten nicht erst lange Sprüche, sie schossen mit ihren Maschinengewehren sofort in die Volksmengen, die sich in den Straßen bewegten und sonntägliche Kleidung trugen, rücksichtslos hinein. In der Augustenstraße wälzten sich gleich darauf sieben unschuldige Bürger in ihrem Blute, zwei von ihnen starben noch auf der Straße. Einige Schritte vor dem Café lag auf der Straße ein schwerverwundeter gut gekleideter Mann. Während das Maschinengewehrfeuer der Weiß-Gardisten weiter wütete, trug M mit einigen hilfsbereiten Leuten den bewußtlosen Verwundeten in das Café. Erst nach längerer Zeit war es einer Ärztin, die im Kaffee anwesend war, möglich, die Wunde zu finden; es handelte sich um eine ungemein schwere Verletzung der Hauptschlagader des linken Oberschenkels. Nachdem ein Notverband angelegt war, kam auch schon ein Krankenwagen, der die Verwundeten und Toten von der Straße aufhob und auch den Verletzten aus dem Café mitnahm. Das Café wurde geschlossen und M verließ das Haus. Er war kaum einige hundert Schritte gelaufen – die Straßen lagen noch immer unter dem Feuer der Weiß-Gardisten, – da kam ein Auto herangerast, das mit etwa sechzig Infanterie-Gewehren und Karabinern beladen war und auf denen wohl ungefähr zehn Handlungskommis und Studenten saßen, die sich weiße Armbinden und Taschentücher um die Arme gewickelt hatten. Als sie M erblickten und erkannten, hielten sie das Auto an. Fünf Mann mit umgehängten Gewehren, in jeder Hand einen Revolver und an Gurrten vier bis sechs Handgranaten tragend stürzten auf M zu, richteten ihre Pistolen auf ihn und schrien ihn an: „Hände hoch!“ M fragte, was die Herren von ihm wünschten. Sie sagten ihm, er sei Mitglied des Zentral-Rats, der gefährlichste Agitator der Räte-Republik, Vernichter des Bürgertums und Zerstörer der Presse, man müsse ihn infolgedessen mitnehmen und wenn er nicht eingestünde, dass er an dem Blutbad, das jetzt angerichtet werden würde, die Hauptschuld trüge, so müsse man kurzen Prozess mit ihm machen, M wurde nun von jedem einzelnen der blutgierigen Hanswürste nach Waffen durchsucht. Der Schriftleiter des Ziegelbrenner wurde nach Waffen durchsucht! Man kann natürlich auf nackten Ziegelsteinen auch nach Trüffeln suchen, wenn man nichts weiter zu tun hat. Man fand einen gewöhnlichen Hausschlüssel bei ihm, der sich aber zum Erstaunen der grünen Hampelmänner nicht als Schießgewehr gebrauchen ließ. Als M nun fragte, wo die edlen Befreier und Einführer der Ordnung denn eigentlich ihren Haftbefehl für ihn hätten, richteten auch die übrigen Burschen, die noch im Auto verblieben waren, ihre Pistolen auf M. Nun ersuchte M die tapferen Befreier, sie möchten ihn doch erst noch einmal nach Hause gehen lassen, um vor seiner Verhaftung und vor seinem möglichen Tode die dringendsten Angelegenheiten noch zu ordnen. Da wurde er nochmals nach Waffen und Maschinengewehren durchsucht, dann mit Gewalt ins Auto auf die Gewehre geworfen. Inzwischen hatten sich eine Anzahl von Spaziergängern um die Gelegenheit gesammelt. Die Weiß-Gardisten fühlten sich provoziert und begannen nun laut auf M zu schimpfen, er sei der Hauptschuldige an dem vergossenen und an dem noch zu vergießenden Menschenblut und er solle nunmehr auch seinen Lohn erhalten. Diese Hetze blieb auf die Ansammlung ohne jede Wirkung: nur einer unter den Anwesenden sagte ganz laut: „Das ist der M.“ „So“ fragten die Umstehenden zurück, „das ist der M?“ Da sich infolge dieser Neutralitäts-Bekundung der Öffentlichkeit ein sofortiges Andiewandstellen nicht ordnungsgemäß vollziehen ließ, raste das Auto – M von zehn auf ihn gerichteten Pistolen und Gewehren umgeben – unter dem Geheul der edlen Freiheitskämpfer und Erretter des Bürgertums von dannen. Überall, wo sich nur Leute auf den Straßen fanden, brüllten die Wackeren hinaus: „Jetzt haben wir aber einen, den Allergefährlichsten!“ Trotzdem die braven Befreier doch Befreier waren und als solche gewiss einen schwachen Begriff von Mannesstolz und Freiheit hätten haben müssen, so mussten sie sich doch erst abstempeln lassen. Denn als sie an einem besseren Hause vorbeikamen, sahen sie an einem oberen Fenster einen Mann stehen. Trotz der Gefährlichkeit des M und trotz der Möglichkeit, dass M ihnen vielleicht entspringen könnte, hielten sie das Auto an, richteten sich im Auto hoch auf, wer sich stellen konnte, stellte sich in strammer Haltung hin, dann zogen sie ihre Hüte herunter und brüllten schmetternd: „Der Herr General soll leben. Hurrah, Hurrah, Hurrah!“ Die Freude und das Wohlbehagen, wieder einmal eine Minute lang Knecht sein zu können und einem Menschenschinder Ovationen bringen zu dürfen, schien sie die notwendige Subordination (Unterordnung) ganz vergessen zu machen; denn nach dem stramm vollbrachten Hurrah riefen sie hinauf: „Herr General, jetzt haben wir einen, den Allergefährlichsten!“ Der Herr General, dessen Vorhandensein und ruhiges Verweilen in seiner Wohnung ein ausreichendes Zeichen für den bolschewistischen Terror war, grüßte wohlwollend herab. Höchst befriedigt, als wäre jeder Einzelne zum preußischen Unteroffizier befördert worden, sausten die wackeren Streiter für Münchens Freiheit mit ihrer wertvollen Beute von dannen. Vor dem Kriegsministerium wurde gehalten. Unter schwerer Bedeckung wurde M ausgeladen, abermals nach Waffen durchsucht und dann geführt durch ein hundert Meter langes Spalier von waffenstarrenden Kriegsgewinnlern, Bourgeoisie-Söhnchen (Sohn der Bürgerklasse), eleganten Zuhältern und jenen Angehörigen des Sammelsuriums, das sich Mittelstand und solides Beamtentum nennt, die jetzt alle einmal Revolution machen wollten, wo es ungefährlich war, wo die Schandwehr-Truppen bereits ihr Feldlager vor der Residenz aufgeschlagen hatten und die öffentlichen Gebäude zu besetzen begannen. In einem der hinteren Räume des Kriegsministeriums wurde M nun untergebracht. Irgend ein Rechtsanwaltsschreiber oder etwas ähnliches hatte den Raum zu bewachen. „Hast Du auch Waffen?“ wurde der Bewacher von den Helden gefragt, „Hier, da schaut!“ und er brachte aus jeder Hosentasche einen Browning, zeigte diese Dinger dem Verhafteten, zeigte ihm die Ladung und hielt sie ihm dicht unter die Nase, während er sie entsicherte. „Ich wünschte nur, er machte einen Fluchtversuch“, sagte der Mann, während die Verhafter den M ansahen, als wäre er ein gut gemästetes Kalb, dessen Abschlachtung man gar nicht erwarten könnte. Nun begann das Verhör. Eine Weile stritten sich die Herren erst herum, wer von ihnen am besten verhören könne. Und als nun verhört wurde, rief bald der eine, bald der andere dazwischen: „Ach Du kannst ja gar nicht verhören, lass mich mal.“ Und so ging das eine schöne Weile, bis sie zuletzt alle durcheinander den M verhörten. Das Verhör bestand darin, dass sie dem M ungefähr zwanzig schwere Verbrechen des Hochverrats, der Aufhetzung von Soldaten gegen Offiziere, der Beleidigung mehrheitssozialistischer Regenten, der Gewaltanwendung gegen die rechtmäßige Regierung Hoffmann und mancherlei andere Schandtaten zur Last legten, für die nach Wunsch des Sozialdemokraten Hoffmann die Todesstrafe sofort zu erfolgen habe. M erklärte, dass er hier nichts zu äußern habe und dass er insbesondere diese Herren, die ihn als ruhigen Spaziergänger einfach mit Gewalt von der Straße weggeschleppt hätten, nicht als Richter anerkennen könne. Als nun nichts aus M herauszubringen war, schrie plötzlich einer der Herren: „Gestehen Sie freiwillig, wir holen jetzt die Zeugen, und dann wehe Ihnen, dann sind wir aber fertig!“ Es kamen auch bald Zeugen, die alles wunschgemäß bekundeten. Diese Zeugen, die immer zur Stelle waren, besonders dann, wenn sie Zeuge sein durften, wie ein Arbeiter an einen Gartenzaun gestellt und erschossen wurde, haben auch eine wichtige Rolle gespielt in den Prozessen der bayrischen Schandgerichte, deren Wirken dermaleinst in der Geschichte für die Bestialität, die Brutalität, die Heuchelei und die Verkommenheit des deutschen Bürgertums und für die Verlogenheit der deutschen Sozialdemokratie ein besseres und wertvolleres Erkenntniszeichen sein wird als der Krieg und die November-Lüge. Entlastungszeugen, die M nannte und die zu laden er ersuchte, wurden hier ebenso wenig anerkannt wie dies bei den Schandgerichten der Fall war. Nachdem die Herren kein Ergebnis erzielt hatten, gingen sie auf weitere Abenteuer aus. M wurde unter strenger Aufsicht des Browning-Besitzers zurückgelassen. Nach einer halben Stunde kamen die Mannen wieder. Als M trotz mehrfachen Drängens immer noch nichts zu sagen wusste, erklärten die Leute, sie würden ihn nun schon zum Geständnis bringen. M wurde hierauf – zwei schwerbewaffnete Männer zur Seite, zwei hinter ihm – wieder durch das Spalier geschleift und nach der Residenz gebracht. Auf der Straße hatte sich das Bild nun völlig verändert. Aus den Fenstern wehten die blauweißen Fahnen, auf den öffentlichen Gebäuden, wo bisher die sozialistischen Banner, die von der Sozialdemokratie längst verraten und besudelt sind, flatterten, waren schwarzweißrote Fahnen gehisst worden. Obgleich die Büttel des Herrn Hoffmann, dessen Futterkrippe sich jetzt wieder zu füllen begann, den Spalieren im Kriegsministerium wie auch in der Residenz zuriefen, sie brächten einen spartacistischen Arrestanten, so wurde M doch von keinem Schergen geschlagen oder beschimpft. An anderen Stellen der Stadt ging es zu dieser Zeit schon bestialischer zu.

In der Residenz wurde M an Schandwehr-Soldaten abgeliefert, während die Einfänger und Zeugen die Erlaubnis nachsuchten, bei M bleiben zu dürfen, damit er nicht entwische und damit sie gleich bei der Hand sein könnten, wenn M vor das Feldgericht gestellt würde. Nach einer halben Stunde wurde angeordnet, dass M zum Polizei-Präsidium zu bringen sei, wo ein Feldgericht in Tätigkeit wäre. Als M abgeführt werden sollte, ließ man ihn samt seiner Begleitung unten nicht aus der Tür, weil inzwischen der Gegen-Befehl gekommen war, ihn gleich in der Residenz vor das Feldgericht zu bringen. M wurde wieder zurückgeführt und kam in das Vorzimmer eines großen Saales, wo das Feldgericht tagte. Das Feldgericht im Lande der eigenen Heimat-Genossen bestand aus einem schneidigen Leutnant. Dieser Leutnant erledigte in jedesmal etwa drei Minuten die Sache in der Weise, dass er auf Grund der Zeugen-Aussagen von Denunzianten entschied, ob der Verhaftete sofort standrechtlich zu erschießen oder ob er frei zu lassen sei. Im Zweifelsfalle wurde der Verhaftete erschossen, weil es sicherer war.

Um Entlastungs-Zeugen kommen zu lassen oder auch nur Leute herbei zu rufen, die bestätigen konnten, dass der Verhaftete kein Spartacist oder gar ein Führer sei, hatte man nicht genügend Zeit. Der Raum, in dem sich M jetzt befand, füllte sich immer mehr mit eingefangenen Arbeitern, Rot-Gardisten, Matrosen, Mädchen und Knaben. M sah unter anderen denunzierten Leuten einen sechzehnjährigen Buben, der beschuldigt wurde, Schandwehr-Soldaten angegriffen und spartacistische Propaganda verübt zu haben.

Aus dem großen Saale, wo der Leutnant zigarettenrauchend über das Leben und Nichtleben von Verhafteten entschied, wurden alle Augenblicke Arbeiter und Matrosen mit totbleichen Gesichtern abgeführt. Ihre erschreckten und traurigen Augen verkündeten allen Wartenden das Todes-Urteil. Ob der Leutnant, der hier über die Spartacisten und die denunzierten Räte-Republikaner zu Gericht saß, das Amt von der Regierung Hoffmann übertragen erhalten oder ob er es sich eigenmächtig angeeignet hatte, wird heute wohl nicht mehr entschieden werden können. So verging eine Stunde qualvollen Wartens. M fragte seinen Wächter, ob er noch einen Zettel an seine Freunde schreiben dürfe, damit sie wüssten, wo er geblieben sei. Das wurde ihm verweigert. Da wurde der letzte Mann, der vor M dem Leutnant überantwortet werden sollte, aufgerufen und hineingeführt. Bei der Unruhe, die dadurch entstand, dass der Mann von den Landsknechten zu roh angepackt wurde, was er sich verbat, gelang es M zu entkommen. Zwei Soldaten, denen einen Augenblick lang wohl ein Funken Menschlichkeit aufstieg, als sie sahen, wie hier mit dem Kostbarsten, was der Mensch besitzt, mit dem Leben, umgegangen wurde, waren an diesem Entkommen nicht unbeteiligt. Ihnen sei an dieser Stelle gedankt für die Erhaltung eines Menschenlebens.

(Heft: 18 – 19, S.15 – 20)

Nach dem Scheitern der Münchener Räterepublik und der Flucht des B. Traven aus Deutschland verfolgte Traven die politischen Geschehnissen in Deutschland lediglich aus der Ferne, die Weimarer Republik und die danach folgende faschistische Diktatur unter Hitler, welcher im zweiten Weltkrieg 50 Millionen Menschen zum Opfer fielen.

Nun stellt sich die Frage, wie das Hitler-Regime mit den Büchern Travens umging. Verboten und damit wahrscheinlich auch am 10. Mai 1933 verbrannt wurde lediglich der Titel „Die Regierung“. Sämtliche anderen bisher erschienen Werke Travens beabsichtigte die Büchergilde Berlin weiterhin zu verbreiten. Um seine Meinung über das Nazi-Regime eindeutig der Öffentlichkeit kundzutun und nicht etwa als „Mitläufer“ dazustehen, untersagte Traven dem damaligen Leiter der Büchergilde Berlin, Jamrowski, in einem Brief, den er aus seiner neuen Heimat Mexiko schrieb, jegliche Verbreitung und anderweitige Verwendung seines geistigen und materiellen Eigentums. Und er ersuchte diesen um die vollständige Rückgabe seines Eigentums und die Herausgabe sämtlicher noch existierender Ausgaben seiner Werke.

Nach anfänglicher Ablehnung folgte die Büchergilde Berlin, die mittlerweile unter der Führung von Herrn Justi stand, all seinen Forderungen und ab dem 1. Januar 1934 konnten im nationalsozialistischen Deutschland Travens Bücher nicht mehr verkauft werden.

Nach dem zweiten Weltkrieg verfolgte er den Wiederaufbau, der im westlichen Deutschland unter dem Diktat der Westalliierten und in Ostdeutschland unter dem Diktat der Sowjetunion stand.

Die spätere Teilung Deutschlands in einen kapitalistisch geprägten und einen von der Sowjetunion geprägten Staat dürfte mit ein Grund dafür sein, dass B. Traven nicht wieder nach Deutschland zurückkehrte, sondern für den Rest seines Lebens in Mexiko blieb5 (siehe Biographie).



 


Drittes Kapitel/

Ein Überblick über B. Travens Werke



Erscheinungsjahr bzw.

erstes Copyright

Titel

Art der Arbeit

 

 

 

1917-1921

verschiedene Artikel für die in München erscheinende Zeitung

Der Ziegelbrenner

Zeitungsartikel,

meist Kommentare

1926

Das Totenschiff

Roman

1926

Die Baumwollpflücker

Roman

1927

Der Schatz der Sierra Madre

Roman

1929

Die Brücke im Dschungel

Roman

1929

Die Weiße Rose

Roman

1931

Die Carreta

Roman

1932

Regierung

Roman

1933

Der Marsch ins Reich der Caoba

Roman

1936

Die Rebellion der Gehenkten

Roman

1940

Ein General kommt aus dem Dschungel

Roman

1960

Aslan Norval

Roman

 

Geschichte vom unbegrabenen Leichnam

Roman

 

Trozas

Roman

 

Ungeladene Gäste

Roman

 

Der Banditendoktor

Roman





Inhaltsangabe des Romans „Das Totenschiff“


In dem Roman „das Totenschiff“ von B. Traven, geht es um den Deckarbeiter amerikanischen Pippip, der mit dem Schiff aus New Orleans kommt, in Antwerpen sein Schiff verliert und am Ende seiner Odyssee durch die Häfen Europas unfreiwillig auf dem Totenschiff

„Empress of Madagascar“ landet, welches nach kurzer Fahrt zum Sinken gebracht wird, um die Versicherungsprämie zu kassieren.


Ein einfacher Deckarbeiter kommt auf der S.S. Tuscaloosa von New Orleans nach Antwerpen. Dort geht er von Bord.

Weil sein Schiff drei Stunden früher als verabredet abfährt, verliert er sein Schiff. Da seine Seemanskarte mitsamt all seiner Habe auf der Tuscaloosa geblieben ist, kann er sich nicht ausweisen und wird von der Polizei verhaftet. Von der belgischen Polizei wird er nachts in die Niederlande geschmuggelt.

In Rotterdam geht er zum U.S. amerikanischen Konsul um sich einen neuen Pass zu besorgen, dieser hilft ihm ohne Papiere, die seine Identität beweisen, jedoch nicht weiter. Ein Ehepaar, welchem er seine Geschichte erzählt, gibt ihm 20 Dollar, die er allerdings für seinen Lebensunterhalt sofort wieder ausgeben muss.

Nun wird er von der niederländischen Polizei aufgrund seiner nicht vorhandenen Papiere inhaftiert.

Die niederländische Polizei versucht ihn wieder nach Belgien hinüber zu schmuggeln, an der Grenze wird er jedoch aufgegriffen und zurück nach Rotterdam in die Niederlande geschickt.

Auf einem Schiff fährt er ( als blinder Passagier) nach Boulogne, dort fährt er mit der Bahn nach Paris, wo er mangels Papiere ins Gefängnis gesteckt wird. Nach einigen Tagen wird er entlassen und befindet sich jetzt in Paris. Er geht wieder zu „seinem“ Konsul um sich einen neuen Pass ausstellen zu lassen. Der amerikanische Konsul in Paris kann ihm jedoch auch nicht helfen. Im Zug von Limoges nach Toulouse wird er erneut ohne Fahrkarte und Papiere erwischt. Er wird wieder verhaftet und ins Gefängnis gebracht, diesmal gibt er vor Deutscher zu sein. Nach einigen Tagen Gefangenschaft kommt er wieder frei und möchte nun Frankreich verlassen. Bei einem Bauern darf er sich ausruhen und etwas essen. Sein Ziel ist jetzt Spanien.

An der Grenze zu Spanien wird er von französischen Soldaten festgenommen, weil er keine Papiere bei sich hat. Er soll erschossen werden. Der Leutnant und sein Kommandant, deren Gefangener er ist, beschließen jedoch ihn nicht erschießen zu lassen. Er wird den spanischen Grenzsoldaten übergeben. Diese lassen ihn frei und er kommt nach Südportugal. Hier besorgt er sich eine Angel. Er lebt am Hafen und wird von den Arbeitern der einlaufenden Schiffe ernährt

(er wird eingeladen oder darf die anfallenden Reste essen). Unvermittelt ist er in Barcelona und von dort wird er von einem Kohlendampfer nach Marseille gebracht, da hier angeblich Schiffsarbeiter gesucht werden. In Marseille hat er eine sehr kurze Beziehung zu einer Frau, bei der er einmal kostenlos essen und übernachten darf.

Im Hafen sieht er ein besonders armseliges Schiff, die Yorikke, jenes erste „Totenschiff“ auf dem er später fahren wird. Er beobachtet und kommentiert die Yorikke.

Er wird von den Offizieren der Yorikke gefragt ob er Interesse an einem Job hätte. Man täuscht ihn über die Arbeitsbedingungen und die Heuer auf dem Schiff und er nimmt die angebotene Arbeit auf der Yorikke an.

Schnell lernt er die sehr schlechten Verhältnisse für die Mannschaft auf der Yorikke kennen, aber beginnt sich an das Leben auf der Yorikke zu gewöhnen. Er philosophiert über die Verhältnisse an Bord eines solchen „Totenschiffs“. Vom Skipper erfährt er, dass er als Kohlenzieher6 arbeiten soll. Als er nach seinen persönlichen Daten gefragt wird gibt er für seinen Geburtsort Ägypten an. Er leidet unter dem schlechten Essen und den unwürdigen Arbeitsbedingungen auf der Yorikke. Auf seiner ersten Schicht lernt er den Polen Stanislaw kennen, der auch Kohlenzieher ist und ihn in ihre gemeinsame Arbeit einweist. Mit Stanislaw steigt er das erste mal in den Kesselraum hinab, in dem er von nun an arbeiten wird. In einem kurzen Gespräch mit seinem Heizer nennt er sich selbst „Pippip“, außerdem arbeitet er unter menschenunwürdigen Bedingungen in seiner Position als Kohlenzieher. Pippip arbeitet die ganze Nacht hindurch. Pippips Tage bestehen von nun an nur noch aus arbeiten, essen und schlafen.

Die Yorikke übergibt ihre Ladung an marokkanische Schmuggler und die Mannschaft wird zu Stillschweigen verpflichtet und mit einem „Festessen“ bestochen.

Vor der Küste Portugals nimmt die Yorikke neue Ladung auf.

Pippip schleicht sich in den Laderaum um herauszubekommen woraus die Ladung besteht.

Später erfährt er von Stanislaw, dass die Yorikke Waffen schmuggelt (es handelt sich in der Hauptsache um amerikanische Karabiner). Stanislaw erzählt Pippip seine Lebensgeschichte (sein vollständiger Name ist Stanislaw Koslowski). Stanislaw hat eine ähnliche Odyssee wegen seiner Papiere erlebt wie Pippip.

Stanislaw wurde früh zum Waisen, dadurch war es später schwer seine Identität zweifelsfrei festzustellen.

Genau wie Pippip bekam Stanislaw von seinem Konsul keinen Pass und konnte somit nicht auf einem „ordentlichen“ Schiff anheuern. So kam er über verschiedene andere Totenschiffe auf die Yorikke.

Außerdem erzählt Stanislaw noch von einem anderen Mann (Paul), der ein ähnliches Schicksal erlitten hatte, jedoch vor kurzem gestorben war. Stanislaw erzählt von einem Kurt, der ebenfalls als Kohlenzieher auf der Yorikke gearbeitet hatte, jedoch bei einer Reparatur ums Leben kam. Das Schiff wird von einem französischen Kriegsschiff kontrolliert, man findet jedoch keine Schmuggelwahre. Pippip ist jetzt vier Monate auf der Yorikke. Mittlerweile hat er sich mit den Bedingungen auf dem Totenschiff arrangiert. Als sie in Dakar im Hafen liegen gehen Pippip und Stanislaw im Hafen spazieren. Stanislaw besucht die Mannschaft eines Norwegers, der unterwegs nach Malta ist. Pippip isst mit Stanislaw und der Mannschaft des „Norwegers“ gemeinsam zu Abend. Dort erfährt er, dass die

„Empress of Madagascar“, die auch im Hafen liegt (ein neues Schiff), auch ein Totenschiff sein soll, welches wegen eines Konstruktionsfehlers versenkt werden soll um wenigstens die Versicherungsprämie zu kassieren. Auf dem Rückweg zu ihrem Schiff werden Pippip und Stanislaw überfallen und auf die „Empress of Madagascar“ gebracht, da diese noch Kohlenzieher braucht, sich jedoch niemand bereiterklärt hat freiwillig auf einem Totenschiff anzuheuern. Während Pippip und Stanislav im Kesselraum der „Empress of Madagascar“ arbeiten läuft das Schiff auf ein Riff. Die ganze Mannschaft kommt bei dem Versuch ums Leben, das Schiff zu verlassen, nur Pippip und Stanislaw können sich retten, indem sie zurück zum Schiff schwimmen und auf das Wrack klettern.

Nachdem die beiden einige Tage auf dem Wrack ausgeharrt haben, reißt die See das Schiff doch noch von den Felsen und die beiden müssen wieder schwimmen.

Einige Zeit können sich die zwei Schiffbrüchigen noch auf einem Wrackteil über Wasser halten aber irgendwann springt Stanislaw von seinen Wahnvorstellungen getrieben „über Bord“ und ertrinkt.

Das Schicksal Pippips bleibt offen.


 

Interpretation des Romans

„Das Totenschiff“


Der Roman „das Totenschiff“ von B. Traven handelt von einem amerikanischen Seemann, dem Deckarbeiter Pippip, der mit seinem Schiff aus New Orleans nach Antwerpen kommt und nach durchfeierter Nacht verlassen am Kai steht. Sein Schiff (mit seinen Papieren an Bord) hat bereits abgelegt. Alle Versuche bei amerikanischen Konsuln neue Papiere zu bekommen schlagen fehl und so muss Pippip von nun an ohne (belegbare) Identität sich durchs Leben schlagen.

Nach einer Odyssee durch die Häfen Europas, die von seiner Suche nach Arbeit und ständigen Abschiebungen (ins Nachbarland) durch die Polizei geprägt ist, landet er schließlich als Kohlenzieher auf dem Totenschiff Yorikke, auf der er seinen späteren Freund Stanislaw kennenlernt.

Auf der Yorikke herrschen menschenunwürdige Arbeitsbedingungen und die Mannschaft, die ausschließlich aus Heimatlosen und Gestrandeten besteht, muss Tag und Nacht, oft unter Einsatz ihres Lebens, für die Schifffahrtskompanie die Knochen hinhalten. Nach anfänglichem Entsetzen gewöhnt sich Pippip jedoch an diese Verhältnisse und beginnt die Yorikke und seinen Freund Stanislaw, der ein ähnliches Schicksal wie er erlitten hat, als seine „Heimat“ und sein Zuhause zu betrachten.

Im Hafen von Dakar werden Pippip und Stanislaw allerdings auf das Totenschiff „Empress of Madagascar“ entführt, welches nach kurzer Fahrt zum Sinken gebracht wird, um die Versicherungsprämie zu kassieren.

Nur Pippip und Stanislaw können sich zunächst auf ein schwimmendes Wrackteil retten. Nach einiger Zeit springt Stanislaw jedoch von seinen Wahnvorstellungen getrieben über Bord und ertrinkt.

Das Schicksal Pippips bleibt offen.

Bei all seinen Erlebnissen, mit den verschiedenen Konsuln, der Polizei oder mit den Besitzern und Kapitänen der Totenschiffe, steht Pippip nicht nur für sich allein, sondern für eine ganze Gesellschaftsgruppe, nämlich die der Arbeiterklasse.

Er erlebt stellvertretend für viele Millionen andere Menschen seiner Klasse die Härte und Unbarmherzigkeit, welche der kapitalistische Staat und die Arbeitgeber (Kapitalbesitzer) dem einzelnen Individuum gegenüber zeigen.

Wenn der ordentliche Seemann und Deckarbeiter ohne Papiere dasteht und somit keine neue akzeptable Arbeit bekommen kann, ist niemand zur Stelle um ihm aus der Klemme zu helfen, da „kann sich der geschundene Arbeiter ruhig einmal selbst helfen“.

Bei einer bekannten und reichen Dame ist das natürlich etwas ganz anderes, wenn sie ihren Pass verliert und in „Schwierigkeiten“ steckt, hilft der Staat (in Form des Konsuls) sofort und stellt nicht erst unangenehme Fragen, wie er das bei einem „gewöhnlichen“ Arbeiter wie selbstverständlich tut, um ihm dann seine Rechte zu verweigern und ihn damit aus dem Kreis der gesellschaftlich akzeptierten auszuschließen und ihn an jene Seelenverkäufer, wie die Besitzer der Yorikke oder der „Empress of Madagascar“, auszuliefern. Diese spezielle Situation erlebt Pippip beim amerikanischen Konsulat in Paris.

Hierzu zitiere ich den Roman „das Totenschiff“ von B. Traven selbst:

„Die Dame setzte sich nur an einer Kante auf den Stuhl, öffnete ihre Handtasche, kramte eine Weile herum, nahm ein Puderdöschen hervor und ließ die geöffnete Tasche auf dem Tisch liegen, während sie sich puderte. Warum sie sich schon wieder pudern musste, obgleich sie sich eine Minute vorher gepudert hatte, war nicht ganz klar. Der Sekretär tastete nun mit seinen Händen auf dem ganzen Tisch herum, um irgendein Blatt Papier zu suchen, das er weit verlegt haben mußte. Endlich hatte er das Blatt gefunden, und da die Dame inzwischen auch wieder aufgepudert war, nahm sie die Tasche an sich, steckte das Puderdöschen hinein und knipste die Tasche abermals so zu, dass die Tasche denselben gellenden Schrei ausstieß wie kurz vorher. Die Dürren auf den Bänken hatten den gellenden Schrei nicht gehört. Sie alle schienen Auswanderungslustige zu sein, welche die Weltsprache des Knipsens noch nicht verstanden, weil sie nichts zum Knipsen hatten. Deshalb mußten sie ja auch auf den Bänken sitzen. Deshalb wurde ihnen ja auch kein Stuhl angeboten unter Verbeugungen. Deshalb mußten sie ja auch warten, bis sie an die Reihe kamen, genau nach der Nummernfolge. „Können Sie in einer halben Stunde noch mal hier vorsprechen, Madame, oder sollen wir Ihnen den Paß ins Hotel schicken?“ Höflich ist man auf einem amerikanischen Konsulat. „Ich komme vorgefahren in einer Stunde. Unterschrieben habe ich den Pass ja schon drin.“ Die Dame stand auf. Als sie nach einer Stunde wiederkam, saß ich immer noch da.

Aber die fette Dame hatte ihren Pass.“ (Seite 61, Kapitel 10).

So unterdrückt und ausgestoßen ist die Romanfigur B. Travens, Pippip gezwungen sich mit Leib und Seele an solche Menschen, wie die Besitzer der Totenschiffe zu verkaufen.

In den Kohlenbunkern der Schiffe opfern sie ihre Gesundheit und teilweise sogar ihr Leben.

In seinem Buch heißt es dazu:

[...] „Diese Helle war rötlich vom Widerschein der Kesselfeuer. Mir war, als sähe ich in die Unterwelt. [...] Ich wollte die Leiter hinuntergehen. Als ich aber einen Fuß auf die oberste Stufe gesetzt hatte, schlug mir eine entsetzliche Säule von Hitze, erstickendem Ölgestank, Kohlenstaub, Flugasche, dickem Petroleumqualm und Wasserdampf entgegen. Ich fiel zurück, und mit einem lauten Japser schnappte ich nach frischer Luft, weil ich glaubte, meine Lungen könnten nicht mehr arbeiten. Aber es half nichts. Ich musste hinunter. [...] Ich kletterte rasch fünf oder sechs Sprossen, dann aber ging es nicht mehr. Mit einem Rasen sauste ich wieder hoch, um Luft zu bekommen.

Die Leiter war aus Eisen, die Sprossen aus fingerdickem Rundeisen. Nur an der einen Seite war ein Geländer, die andre Seite, die äußere Seite, war ohne Geländer, also gerade die Seite war offen, wo man in den Schacht abstürzen konnte, während die Seite, die an der Wand der Maschinenhalle war, mit einem Geländer gesichert war. Als ich meine Lungen wieder aufgefüllt hatte, machte ich den dritten Versuch und ich kam auf eine Plattform. Drei Schritte über die Plattform, die nur einen halben Schritt breit war, führten zum Ende der Platte, wo eine zweite Leiter tiefer in den Schacht ging. Diese drei Schritte konnte ich aber nicht machen. In Gesichtshöhe war hier die Aschenhievwinsche, und das Dampfrohr der Kinsche hatte einen langen, aber ganz dünnen Riss. Durch diesen Riss zischte ein brühend heißer Wasserdampf, scharf und schneidend wie eine Stichflamme. Der Riss lag so, dass, selbst wenn man sich bückte, man diesem schneidenden Dampfstrahl nicht ausweichen konnte. Ich versuchte, mich hochzurecken, aber dann wurden die Arme und die Brust angefressen und verbrüht. Inzwischen musste ich hoch, um Luft zu schöpfen.“

Trotz allem stellt B. Traven die Ausgebeuteten und Rechtlosen als Menschen dar, die auch unter diesen Qualen Gefühle zeigen, Träume haben (Pippip träumt von seiner Heimat), Wünsche äußern und Freundschaften unterhalten (siehe Pippip und Stanislaw).

Ihre Menschenwürde bleibt ihnen also auch erhalten, wenn sie nicht mehr wie Menschen behandelt werden. Sie werden nicht als schuld an ihrer Misere, sondern als Opfer der gesellschaftlichen Machtverhältnisse dargestellt.

Moralisch sind sie in der überlegenen Position, weil sie, weiterhin versuchen durch ehrliche Arbeit ihre Situation zu verbessern.

Indem der Autor die Rechtlosen so darstellt, ergreift er Partei und ermutigt sie, sich selbst zu befreien. Er übernimmt für sie nicht die Verantwortung, sondern er zeigt ihnen den Weg auf, indem er sie erkennen lässt, dass die Macht ihrer Unterdrücker ausschließlich auf ihrer Arbeit aufbaut.

In der Form des Abenteuerromans schrieb B. Traven zum einen sicher aus ökonomischen Gründen, zum anderen aber auch, weil er so möglichst vielen Lesern seine Ideen und Vorstellungen vermitteln konnte.

In vielen Büchern, die sich rund um B. Traven drehen, kann man lesen, dass sein Roman „das Totenschiff“ in vielen Punkten, wenn nicht sogar vollständig autobiographischer Natur ist. Sicher kann man jedoch davon ausgehen, dass B. Traven in seiner Jugend bereits auf Handelsschiffen oder Öltankern zur See fuhr. Er schrieb seine Romane also nicht nur vom Schreibtisch aus, sondern war selbst einmal Teil ,der von ihm beschriebenen gesellschaftlichen Klasse. In Nr. 3 der BT-Mitteilungen erfährt man: „B.Traven konnte den Kesselraum darum so wahrheitsgetreu schildern, weil er in solchen Kesselräumen gearbeitet, geschippt und geheizt hat, weil er in solchem Kesselraum verbrüht und angebrannt wurde.“

Quasi von einem Insider geschrieben, stellen sich mir Travens Texte sogar als noch glaubwürdiger und nachvollziehbarer dar.












Viertes Kapitel/

Die Reaktion der Leser auf den Autor und sein Werk


B. Travens Romane sind in etwa drei Dutzend Sprachen in einer Gesamtauflage von vielen Millionen verbreitet, 32 Millionen, behauptet die Illustrierte Stern am 15. April 1982 (S. 106). Schon 1969 sollen es, nach einem Artikel in der Welt zu urteilen, 25 Millionen gewesen sein.

Heute sind seine Bücher und sogar er selbst jedoch bei den jüngeren Generationen völlig unbekannt. Auf diesen Umstand stieß ich besonders bei meiner Informationssuche am Anfang meiner Arbeit (siehe hierzu auch „die letzte Seite“).

Um zu zeigen, dass dies vor einiger Zeit ganz anders war zitiere ich einen Text aus Karl S. Guthkes „Biographie eines Rätsels“ (Seite 11-12, veröffentlicht als Diogenes Taschenbuch, 1990):

„Über Nacht berühmt, von den Nationalsozialisten verboten, nach dem Krieg wiederentdeckt,

wurden manche von Travens Büchern Schullektüre, anhand deren englischsprachige Studenten Deutsch, aber auch Spanisch lernten, während sie deutschen Schülern angemessenes sozialpolitisches Bewußtsein vermitteln sollten. Die Romane und Erzählungen waren Gegenstand von Vorlesungen und Seminaren an Universitäten beiderseits des Atlantiks sowie von internationalen und interdisziplinären Konferenzen.

Mindestens eine der Verfilmungen, John Hustons

The Treasure of the Sierra Madre, mit Humphrey Bogart in der Hauptrolle, gehörte in vielen Ländern zum Bildungsfond der jüngeren und mittleren Generation.“

Während sich heute beinahe niemand mehr um die Texte des B. Traven kümmert konnte man im Deutschland des frühen 20. Jahrhunderts sogar für allzu offene Sympathie gegenüber dem Ziegelbrenner (Travens Zeitung und Sprachrohr während seiner deutschen Zeit, der Verf.) verhaftet und bestraft werden.

Auch hierzu zitiere ich Karl S. Guthkes „Biographie eines Rätsels“ (Seite 219):

[...] „obwohl zum Beispiel im sozialdemokratisch regierten Ostpreußen ein Freund des Ziegelbrenner zwei Jahre Festung erhielt, weil er den ersten Aufsatz aus Heft 16/17 des Ziegelbrenner mit Einwilligung des Schriftleiters als Sonderdruck vervielfältigen ließ und in einigen hundert Exemplaren verbreitete.“ [...]

Wie sehr B. Traven in den Herzen seiner Leser, insbesondere in seiner letzten Heimat verankert war, zeigte sich bei seinem Tode, als die Öffentlichkeit mit großem Aufwand von ihm Abschied nahm (siehe Biographie).










Fünftes Kapitel/

Meine Wertung/ Beurteilung


An B. Traven hat mich besonders seine geheimnisvolle Persönlichkeit fasziniert.

Die Möglichkeit sein ganzes Leben geheim zu halten und jederzeit ein neues „Leben“ beginnen zu können würde auch mir selbst gut gefallen. Dieses Spiel mit der eigenen Identität, den zahllosen Reportern, den privaten „Literaturdetektiven“, die seine „wahre“ Identität versucht haben zu ergründen und den staatlichen Meldebehörden und die unvorstellbare Freiheit, die einem so zu eigen werden kann, ist für mich einfach faszinierend. Aber auch die bekannten Stationen im Leben des B. Traven finde ich interessant.

So lesen sich zum Beispiel seine spannende Rolle, im sich politisch unglaublich rasch verändernden Deutschland, seine Beinahe-Hinrichtung, seine Flucht durch ganz Europa mit längerem Aufenthalt in London und seine spätere Zeit in Mexiko wie eine spannende Abenteuergeschichte. Und dabei ist er immer „frei“ geblieben, unabhängig von den politischen und sonstigen Meinungen der Mehrheit. Auch seine Bücher, besonders das Totenschiff, sind für mich in einer interessanten gesellschaftskritischen und analytischen Weise geschrieben, die ich gut nachvollziehen und oft sogar „unterstützen“ kann. Im „Totenschiff“ zum Beispiel beschreibt er sehr anschaulich an dem Beispiel des Matrosen „Pippip“, wie ich finde faszinierend, wie die Staatsmacht in Zusammenarbeit mit den wirtschaftlichen Mächten einem Individuum das Leben zur Hölle machen kann, indem sie einem die Existenz (durch das Verweigern von Papieren) abspricht und einen so zwingt als „toter“ Sklave ohne irgendwelche Absicherungen für den Wohlstand und den Gewinn skrupelloser Geschäftemacher zu arbeiten und letztlich oft sogar sein Leben geben zu müssen, wie es Stanislaw am Ende des Buches passiert.

B. Traven reiht sich ein unter die vor und nach ihm sschreibenden „Arbeiterschriftsteller“. Jack London, der 1876 geboren wurde und schon 1916 durch Selbstmord starb, hatte auch immer in seinen Abenteuerromanen die Sache der ‘Underdogs’ zum Thema. „Alaska Kid“ hatte ich schon vor einigen Jahren gelesen und war gefesselt. Inzwischen habe ich noch weitere Schriftsteller gefunden. Upton Sinclair zum Beispiel schreibt über die Lage der amerikanischen Arbeiter in den 30er Jahren. Er selbst wurde Opfer der Kommunistenverfolgung in der Mc Carthy- Zeit nach dem 2. Weltkrieg. In Deutschland haben Max von der Grün und Günter Walraff das Genre fortgeführt. Beide mussten mancherlei Anfeindungen über sich ergehen lassen. Während v.d. Grün selbst Arbeiter war, bevor er vom Schreiben leben konnte, tauchte Walraff wiederholt in die Arbeitswelt ein, um Material aus eigener Anschauung zu gewinnen.



Quellenverzeichnis


Quelle

Verwendung

B. Traven
Werkausgabe in 15 Bänden
detebe Klassiker 21098-21112 Diogenes Verlag 1983
Band I Das Totenschiff

vorgestellter Roman

Karl S. Guthke
B. Traven, Biographie eines Rätsels
Diogenes Verlag 1990

Sekundärliteratur zum Autor

R. Walter
Artikel zum Tode des Anarchismusforschers Arthur Lehning
FR 12.01.2000

Zitat Bakunin

Diego Rivera
Dietrich Reimer Verlag Berlin 1987

Souper der M,
Tierra libre Bildmaterial

Microsoft Encarta 1999

Sekundärliteratur zur Biographie

Das andere Amerika
Neue Gesellschaft für bildende Kunst 1983

Titelbild

 

 

 

 

 

 







Sechstes Kapitel/

„Die Letzte Seite“

 

 


 

Zuerst stand für mich das Sammeln von verwertbarem Material im Vordergrund. Hierbei stieß ich ungewollt vielmehr auf Material zu Punkt vier, nämlich „der Reaktion der Leser auf den Autor und sein Werk“, als auf anderweitig verwertbares Material. Es war sogar allgemein nicht einfach überhaupt Material über B. Traven zu finden.

In einigen Buchläden wurde mir sogar mit Unverständnis begegnet, „was denn dieses B. Traven sei, das ich da suche“ [Gnoth(Mülheim), Baedeker(Mülheim)].Erst nachdem ich den jeweiligen Mitarbeitern mein Anliegen eingehender erklärt und den Namen des Autors buchstabiert hatte, ging es regelmäßig zum Firmen-Computer, der dann (immer mit Hilfe der selben Software) wenige Bücher über B. Traven fand, die auch noch alle seit Jahren nicht mehr zu bekommen waren.

Positiv fiel nur die Buchhandlung Röder in Mülheim auf, die mir die Adresse des Karin Kramer Verlags gab, der eine Biographie über B. Traven angefangen, diese jedoch nie beendet und veröffentlicht hatte. Es war mir bisher jedoch leider nicht möglich, mit dem Karin Kramer Verlag Kontakt aufzunehmen. Erst in der Mülheimer Zentralbibliothek wurde ich fündig.

In sämtlichen Literaturlexika allerdings waren nur sehr kurze und unvollständige Informationen zu meinem Autor vorhanden. Auch die Microsoft Encarta enhält lediglich einen sehr kurzen Artikel über B. Traven. In diesem Artikel gibt es jedoch leider Abweichungen bei Daten (z.B. sein Todestag wird sonst mit dem 26. März 1969 und nicht mit dem 27. beschrieben) und auch der Vorname wird hier ohne Einschränkungen mit Bruno angegeben, obwohl dieser nie nachgewiesen wurde.

So saß ich also mit seinen eigenen Texten und einer zum Glück sehr ausführlichen Biographie an den Arbeiten zu meiner Autorenmappe.

 

1 Microsoft Encarta 1999
2Mitglieder des Spartakusbundes (ein zum Moskaukommunismus tendierende Abspaltung der SPD, Vorläufer der späteren KPD)
3Wittelsbacher, bayerische Herrscherdynastie, die von 1180 bis 1918 in Bayern regierte. (Encarta, 1999)
4intensive politische, Aufklärungs- und Werbetätigkeit
5selbstverständlich reiste er weiterhin auch in andere Staaten
6Bringt die Kohle aus den Kohlenbunkern in den Kesselraum, für den Heizer

© Tilman Riedel
[Zu diesen Seiten: Es handelt sich um eine Schülerarbeit von Tilman Riedel, die er im Laufe der 10. Klasse als Autorenmappe erstellt hat.
Tilmans Arbeit ist eine außergewöhnliche Leistung eines Zehntklässlers. Er hat in 2003 sein Abitur bestanden. oert]

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